Donnerstag, 3. September 2015

Armes reiches Mädchen

Zwischen 1987 und 1991 hatte ich eine beste Freundin: Michaela.
Wir (damals 17 und 19) lernten uns in der Handelsschule kennen und liebten uns sofort.
Gleiche Wellenlänge, gleicher Humor.
Wir verbrachten jede freie Minute miteinander; Schule machte Spaß, weil wir uns da wiedersahen und uns war klar: wenn eine von uns ein Mann wäre, hätten wir beide die Liebe des Lebens gefunden.

Sie war eifersüchtig auf meine Freundin Britta, ich war eifersüchtig auf ihre diversen Freunde.
Und Freunde hatte Michaela massig.
Einen festen Freund zu haben war für sie das Nonplusultra, weil sie überzeugt war, ihr Lebensglück hinge von einer harmonischen und romantischen Beziehung ab.

Harmonisch und romantisch war die Ehe ihrer Eltern nicht.
Der Vater hatte vor Urzeiten eine Affäre, worüber die Mutter einen Nervenzusammenbruch erlitt und jahrelang mit Panikattacken und Depressionen zu kämpfen hatte.
Die Mutter hatte dem Vater längst verziehen, aber Michaela redete kaum noch mit ihm. Und er kaum mit ihr. Ich habe noch nie ein derart unterkühltes Verhältnis zwischen Vater und Kind erlebt.

Die Mutter war eine echt coole Socke.
Unvergessen die Schote, als kurz vor der Konfirmation ihrer Schwester der Pfarrer unangemeldet die Einfahrt zum Haus hochspaziert kam. Gott sei dank (haha!) sah die Kleine, die sich mit Mutter, Michaela und mir in der Küche (neben dem Eingangsbereich) befand, ihn rechtzeitig, woraufhin die Mutter den Befehl gab: "Auf den Boden!" und wir 4 hockten so lange leise kichernd und prustend vor der Spüle unter'm Fenster, bis der Pfarrer wieder weg war.

Unsere Eltern mochten uns beide auch:
Papas 50. Geburtstag? Michaela wurde eingeladen.
Michaelas Schwester feierte Konfirmation? Ich war dabei.

Zu meinem 21. Geburtstag schenkte mir ihre Mutter Eintrittskarten für Holiday on Ice. Mit allem Drum & Dran: 1. Reihe-Plätze, Programmheft, Getränke, Souvenir und zum Abschluss ein Essen beim Chinesen. Das alles für 4 Personen (ich, Michaela, ihre Mutter und Schwester).

So toll ich Michaela fand, so nervig fand ich allerdings ihren zwanghaften Drang, unbedingt einen Freund haben zu müssen.
Wenn ein Junge mit ihr Schluss machte, war sie wochenlang am Boden zerstört, weil es für sie unerträglich war, dass jemand sie nicht mögen könnte oder sie gar ablehnte.
Das selbe Drama, wenn ein angeflirteter Junge nicht auf ihr Geflirte ansprang.
Da wurde dann akribisch analysiert, warum/wieso/weshalb?.
Erst verzweifelt, dann in Wutattacken endend ("Wie kann der sich anmaßen, mich abzulehnen?Er kennt mich doch kaum! Ich tu keinem was Böses, bin immer freundlich zu allen!")

Michaela stammte aus einer der wohlhabendsten Unternehmer-Familien des Sauerlandes.
Ich stamme aus einer der durchschnittlichsten Familien des Sauerlandes (Vater Handwerker, Mutter Verkäuferin).
Und das wurde unserer Freundschaft zum Verhängnis.
Das und ihr Zwang, bei allen beliebt zu sein, mindestens aber von allen gemocht zu werden.

Irgendwann treffen reiche Menschen zwangsläufig auf andere reiche Menschen und dann kann es sein, dass ein anhängiger Durchschnittsmensch als nicht gut genug angesehen wird.
Michaela hatte Tanzen für sich entdeckt und latschte regelmäßig in die nobelste Tanzschule der Stadt, schloss schnell Freundschaften und so unternahmen wir fortan häufig was mit den "reichen Kids".
Ein paar dieser Snobs meinten allerdings, dass ich als "Malocherkind" kein Umgang für sie wäre und irgendwann saß ich öfter alleine zuhause, während Michaela mit den anderen unterwegs war.
Wenigstens hielt sie einen Nachmittag in der Woche nur für mich frei.
Schwierig wurde es an ihren Geburtstagen: die reichen Schnösel und ich.
Sie dazwischen, sich sichtlich unwohl fühlend.

Irgendwann kritisierte ich ihr Gehampel "zwischen den Welten", woraufhin sie meinte, SIE hätte die Arschkarte, denn obwohl ihre neuen Freunde gegen mich stänkern würden, würde sie sich schließlich trotzdem mit mir abgeben.
Und verstand nicht, dass ich darauf angepisst reagierte, statt ihr vor Dankbarkeit die Füße zu küssen.

Dann lernte Michaela auf einer Familienfeier meine Lieblingstante kennen.
Tags drauf fragte sie, wie jedesmal, wenn sie jemanden von "meiner Seite" kennenlernte: "Und? Wie findet deine Tante mich?"
Ausgerechnet meine Lieblingstante fand Michaela doof: eingebildet, überkandidelt, etepetete.
Und weil ich einen miesen Tag hatte, Michaela mir mit ihrem reiche-Kids-Dilemma auf den Sack ging und es zu dem Zeitpunkt bereits ziemlich unentspannt zwischen uns lief, sagte ich ihr die Wahrheit.
Hui.
Tagelang verlangte sie sehr wütend nach der Telefonnummer und Adresse meiner Tante, um mit ihr auszudiskutieren, weshalb sie solch ein ungerechtes Urteil fällen könne, wo man gerade mal 3 Worte miteinander gewechselt hätte.
Ich gab ihr weder Nummer noch Adresse.
Das war das Ende einer einstmals wunderbaren Freundschaft...
Als die Schule endete, brach unser Kontakt ganz ab.

Jahre später traf ich sie bei Edeka, wir plauderten nett, dann ihre Spitze: "Schön, dass ich auch mal erfahre, dass du geheiratet und ein Baby bekommen hast. Ich hätt gratuliert, aber ich habe ja keine Geburtsanzeige bekommen!"
Hä?! Im Zoff auseinander, Jahre nicht gesehen und dann auf beleidigt machen?
Dass wir gar keine Geburtsanzeigen hatten drucken lassen, darauf ist sie nicht gekommen.
Sie lud mich zu sich ein, ich ging hin, auf'n Kaffee, wir fühlten uns beide unwohl, waren steif, wie Fremde.

Ich könnte noch so viel erzählen.
Zum Beispiel, dass Michaela superlange Zehen hatte, die in offenen Schuhen immer wieder für Heiterkeit sorgten.
Oder wie einer ihrer Freunde in ihr nagelneues Bett gepinkelt hatte, weil er geträumt hatte, er säße auf dem Klo.
Oder wie wir uns gemeinsam auf der Weihnachtsfeier der Grundschule der Schwester langweilten.
Oder wie wir uns vor kichern kaum halten konnten, als an der Kaffeetafel ihrer Oma deren Stomabeutel rhythmisch gluckerte.
Oder wie die Mutter aus Angst vor Entführung immer (wie sie meinte: heimlich!) den Securitymann der Firma hinter uns her schickte, wenn wir abends in die Große Stadt zum Clubbesuch aufbrachen.
Oder wie der Vater meckerte, dass er extra einen Pool hatte bauen lassen und dass alle dann doch lieber ins Freibad nebenan gingen, weil da mehr los war.

Wie komm ich da jetzt eigentlich drauf?
Ach ja, beim Ausmisten habe ich unser Notizbuch gefunden. Wir haben uns damals im Unterricht keine Zettelchen geschrieben, sondern nutzten ein kleines Buch.
Ich googelte, fand sie aber nicht.
Kurz darauf stand die Todesanzeige ihrer Mutter in der Zeitung.
Es trauerten: Michaelas Vater und ihre Schwester.
Wieso stand Michaela nicht dabei?
War sie mittlerweile mit dem Vater so zerstritten, dass man nicht in derselben Traueranzeige stehen wollte?
Lebte sie im Ausland?
Lag sie im Koma?
Hm, keine Gründe, sie von der Nennung auszuschließen.

Ich rief in ihrer Firma an und fragte nach ihr.
Die Antwort kam direkt und ungeschönt:
"Michaela ist seit 10 Jahren tot." 

*schluck*

"Selbstmord", sagt der Friedhofsgärtner, der neben mir vor dem Familiengrab steht. "Liebeskummer. Ich erinnere mich noch an das Begräbnis. Bleibt immer hängen, wenn so ein junger Mensch beerdigt wird. Sie war ja erst 35."

*schluckschluck*

Ich hätte mit allem anderen gerechnet: Unfall, Krebs, Herzinfarkt.
Weil das passiv klingt.
Ebola? Schlaganfall? Plattgefahren? Da kannste halt nix machen.
Aber ein selbstgewählter Tod hat so was megatragisches, weil da ein riesengroßes, lebenzerfressendes Unglück hinter steckt.
"Blöde Kuh", murmel ich, während ich ein paar Blümkes in die Vase stecke. "Wegen 'nem Kerl! Hättste mich mal angerufen, dann hätt ich dir von meinen Männerkrisen erzählt und dann hätten wir gemeinsam drüber gelacht!"

Ich überlege, wie sie es wohl gemacht hat? Tabletten? Brückensprung? Brückenpfeiler? Erhängt? Mit dem Jagdgewehr des Vaters erschossen?
Der Gärtner kann sich nicht erinnern.
Ich überlege, was das mit ihrer Familie gemacht hat. Mit dem Typ, mit dem sie zusammengewohnt und der Schluss gemacht hatte.

Am 07.07.70 geboren, sie wäre jetzt 45.
Statt dessen feiert ..äh.. begeht.. äh.. sie nun ihren 10. Todestag.

Kommentare:

  1. Liebe Juli, ganz ohne Scheiß, hier habe ich echt Gänsehaut :(

    AntwortenLöschen
  2. Was für ein bewegender Nachruf. Auch zehn Jahre später für uns "Unbekannte".

    AntwortenLöschen
  3. Selten eine Überschrift gelesen, die es so auf den Punkt bringt. Armes reiches Mädchen... :(

    AntwortenLöschen
  4. Ach du Schreck... was für eine Story :( Und Du kannst verdammt gut schreiben, Juliane!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da schließe ich mich an. Du kannst verdammt gut schreiben, liebe Misanthropin.

      Löschen
  5. Ich glaube, ich sollte auch ein oder zwei dringende Telefonate führe. Danke für die Anregung, liebe Juliane.

    AntwortenLöschen
  6. Ich glaube Michaela würden sich freuen,... schöne Zeilen, schöne Erlebnisse, schöne Gedanken an eine Freundin!

    AntwortenLöschen
  7. Oh, was für eine traurige Geschichte! Und so zu Herzen gehend aufgeschrieben. Ja, hätte sie dich mal angerufen.

    AntwortenLöschen
  8. Ob zerstritten, auseinandergelebt oder einfach im Sande verlaufen: Lebensmensch bleibt Lebensmensch. Und einen solchen zu verlieren ist auch bei längst verlorenem Kontakt ein großer Verlust. Verlust beginnt in dem Moment, in dem man davon erfährt, egal, wie viel Zeit seit ihrem Ableben tatsächlich vergangen ist.
    In diesem Sinne: Herzliches Beileid, Juliane ...

    AntwortenLöschen
  9. Das ist so schön geschrieben - ich kann es gut nachfühlen, aber ... soll ich weiter schreiben?

    LG,
    Britta

    AntwortenLöschen
  10. Traurig. Traurig das es so enden mußte, und man keine Zeit mehr hat. Keine Zeit um nochmal zu reden oder sich zu sehen. Unwiederbringlich vorbei. Ich weiss wovon ich rede...
    http://zimtkaetzchenundzuckerschnecke.blogspot.de/2014/02/die-beste-freundin.html

    da bin ich auch noch nicht drüber weg...

    Liebe Grüße
    Dani

    AntwortenLöschen
  11. Das Leben kann ein Arschloch sein.

    AntwortenLöschen
  12. Anonym5/9/15

    Berührend.
    Ich glaube nicht, dass der Reichtum etwas damit zu tun hat. Vielleicht hat sie schon damals gewusst, dass sie jemand existenziell so sehr berühren würde. Vielleicht hat sie mit dem Fragen und Suchen versucht, das zu verstehen.
    Nicht für jeden ist ein unberührtes Leben aus sich selbst heraus das richtige Leben. Wird leider gerade in feministischen und esoterischen Kreisen gerne verbreitet.

    gann

    AntwortenLöschen
  13. @ Dani:
    Ach Mensch, Krebs, diese dumme Sau!
    @ DSL:
    Hoffentlich nimmt noch jemand ab!
    @bvr:
    Ja sicher!!

    @ alle anderen:
    Hä? Diesen "Nachruf", der eigentlich gar nicht als solcher gedacht ist, findet ihr auch gut?! Ich wurde ja schon für den Text zum Thema "tote Tante" vor 3 Jahren gelobt. vielleicht sollte ich mich tatsächlich als Trauerredenschreiberin bewerben...

    AntwortenLöschen
  14. Nun denn... keine Frage, eine Biographie, die mit Suizid endet, ist riesig in ihrer Tragik.

    Mein ...aber... bezieht sich darauf, dass nach Beziehungstrennungen aller Art oft der "Hättste mal" zusammen mit dem "Wärste mal" um die Ecke kommen und Fragen stellen. Dazu wedeln sie mit ihren Händen und Füßen rosaroten sentimentalen Pudezucker auf und vernebeln einem den Blick dafür, dass es konkrete Gründe gab, um Freundschaft/ Beziehung/ Ehe zu kappen.
    Ich glaube, wenn man diese Gründe außer Acht lässt, fühlt man sich nicht nur dauerhaft schei**e, sondern gibt sich selbst eine Art Überverantwortung ( Ich hätte diesdas verhindern können), die nicht angemessen ist.

    Beim ersten Lesen deines Textes habe ich leicht befürchtet, es ginge in diese Richtung und etwas impulsiv wie ich bin sofort losgeschrieben.
    ---> der Hättste und der Wärste sind nämlich echte A*schgeigen und wer auf ihr Gesäusel hört, wird nicht glücklicher davon!

    Beim wiederholten Lesen musste ich meinen Eindruck revidieren - ich lese nun eher Betroffenheit über so einen Lebenslauf als Hadern, dass du Gelegenheiten hast verstreichen lassen.

    Falls ich komplett falsch liege, kannst du mich gerne korrigieren. :)

    Mit ebenfalls aus Gründen gekappten Freundschaften grüßt

    Britta

    AntwortenLöschen
  15. Das war ein guter Post.

    AntwortenLöschen
  16. @ Britta:
    Ach so war das gemeint. Nee, ich fühle mich in keiner Weise verantwortlich für sie oder das, was sie getan hat.
    @ Alexander: Danke.
    @ Bluh nah: Wieso "die Arme"? Sie hat den ganzen Rotz schon hinter sich :-)

    AntwortenLöschen