Dienstag, 8. November 2016

1 Jahr und 9 Minuten

Unser allerletztes Beieinandersein.
Vor 1 Jahr, nachts.

Der Doktor hatte angerufen und gesagt, dass jetzt wirklich nichts mehr zu machen sei. Sepsis. Der Fluch jeder Intensivstation.

Ich hatte immer gesagt, dass ich mir auf keinen Fall meinen sterbenden Vater ansehen werde. Aber als es soweit war, wollte ich nichts anderes.
Ich war zu aufgeregt, um die 40 Kilometer zur Klinik selbst zu fahren. Wollte mit dem Taxi kommen, aber Elvis bestand auf Kusine Püppi.
Wenn es auf der Welt einen einzigen Mensch gibt, den du nachts anrufen kannst, um zu fragen, ob er dich zu deinem sterbenden Vater fährt, dann isses Püppi.

Du sahst gut aus.
In DEM Zustand und mit den ganzen angeschlossenen Apparaten und dann aussehen wie immer - Respekt!
"Korrekt" aussehen war dir immer wichtig. Hat ja bis zum Schluss geklappt.

Ich hab dir viele Sachen gesagt. Sachen, die ich dir im Leben nie gesagt hätte.
Aber jetzt, im Sterben, ging das.
"Sachen sagen" war ja nicht so unsers.
Der Arzt hat erzählt, du hast gewusst, wie mies es um dich steht und du hast es uns verschwiegen. Hast mit diesem Wissen alleine herumgemacht. Im Nachhinein weiß ich jetzt, wieso du dich in den letzten Monaten so verändert hattest. So zurückgenommen, fast schon philosophisch in deinen reduzierten Worten.

"Arm nehmen" war auch nicht so unsers.
Aber ich hab deine Wange gestreichelt, deine Hand gehalten.
Ich hab dir ein Dutzend Küsschen aufgedrückt und du konntest dich nicht wehren. Harhar!
Ich wünsche mir so sehr, dass du mich noch gehört und gespürt hast.

Und dann diese letzten 9 Minuten.
Irgendwann, nach 2 Stunden, hatte ich entschieden, nun ist es genug mit herzen und flüstern, es war alles gesagt.
Dass du dir keine Sorgen machen musst und gehen kannst, einschlafen kannst. Dass alles gut läuft. Dass die Kinder gesund sind und dass ich mich um die Oma kümmern werde, auch wennn sie mir auf'n Sack geht, kennst ja unser schräges Verhältnis. Und dass ich dich ganz lieb habe.

Dann entschied ich, dass es Zeit für mich ist zu gehen.
Püppi und ihr Mann saßen im Warteraum, die konnte ich doch nicht warten lassen die ganze Nacht. Nach einer durchgemachten Nacht hatte ich Angst, den nächsten Tag nicht zu schaffen, womöglich zusammenzubrechen: der hyperaktive Kleine, der Bestatter, die Oma im Krankenhaus, der Schock.

Und dann bin ich gegangen. Aber mit dem Gefühl, dass es ok ist.
Und ich habe dir zugetraut, diesen letzten Schritt allein zu gehen, so als alte deutsche Eiche, die immer alles alleine gestemmt gekriegt hat, mit eisernem Willen.

Du bist nur 9 Minuten später gestorben.
9 Minuten.
9 Minuten, die ich noch locker hätte warten können.
Diese 9 Minuten lassen mich nicht mehr los. Werden sie wohl nie.


Einige Leute habe ich telefonisch von deinem Tod informiert. Manche haben mir gesagt, ich klinge, als würde ich unter Schock stehen; das habe ich nicht verstanden.
Ich weiß, ich war beim Beerdigungskaffee viel zu aufgekratzt.
Ich hatte das Gefühl für's Gefühl verloren. Ich war einfach nur so unglaublich erleichtert, alles ganz alleine bewältigt zu haben, dich gut unter die Erde gebracht zu haben, wie man so sagt.


1 Jahr ohne dich ist vorüber.
Ich kümmere mich um Omma. Verhalten zwar, aber wir kommen klar. Es wird.
Sie drückt jetzt die Füchse.
Sagt "Kommt, Kinder, ich mache mal ein Selfie von euch!" und wundert sich, warum Elvis und ich dann kichern wie blöde. 
Sie hat sich ein Laptop gekauft und freut sich sehr, dass sie nun kabellos über den "Flickbock" ins Internet kommt.

Elvis hat nach 2 (in Worten: zwei) Tagen sein Studium geschmissen und geht nun nach Australien. Da könnten wir jetzt prima gemeinsam paniken, du und ich.

Der Kleine entwickelt sich super.
Traurig, dass er sich nicht an dich erinnern wird und dass ihr keine Zeit mehr miteinander habt.

Und ich?
Ich habe weder Zeit noch Raum zu trauern. Ich würde gerne diese Trauergruppe besuchen, habe aber Angst, dass ich dann so lange und heftig heulen muss, dass ich die Leute da verschrecke.
Ich hab ordentlich rumgemurkst in diesem Jahr.
Vor allem, was die Männer betrifft.
Ich sehe sie direkt vor mir, deine typische Hand-Stirn-Geste für solche Fälle.
Habe öfters gerufen "Hol' mich zu dir!". Du weißt, ich gehöre eher zum lebensmüden Typus. Tu's nicht, es besteht vielleicht noch Hoffnung.

Lange Rede - kurzer Sinn:
Du fehlst, du alter knorriger, kauziger Typ. Du, mein Papa.




PS: Es tut mir sehr leid, dass ich erst Tage später bemerkt habe, dass der Bestatter BVB-Fan ist. Gut, die schwarz-gelbe Brille und das gelbe Hemd hätten mir Zeichen sein können, aber hey, ich stand unter Schohock! Und ihr Schalker seid ja tolerant, nicht wahr?

Kommentare:

  1. Juli... Es ist einer dieser sehr wenigen Momente, in denen mir beim Lesen eines fremden Posts die Tränen in die Augen schießen.
    Ich fühle ganz sehr mit Dir.

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  2. Das mit dem Besuch der Traúergruppe wprd' ich ruhig noch mal ins Auge fassen, Frau Juliane - es ist nie zu spät, Tränen rauszulassen. Denn das ist, was sie wollen: raus.
    Sie finden schon den geeigneten Zeitpunkt.

    Hinsichtlich der Schalker Toleranz hingegen vermag ich Ihnen keine Hoffnung zu machen^^. Aber das hat man Ihnen sicher schon nachgesehen.

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  3. Ach … Du.

    Alos das mit dem Bestatter und BVB-Fan, das ist natürlich mal ultra mies gelaufen. Das wird irgendwann Ärger geben. Da will ich jetzt echt nicht länger darüber nachdenken.

    Dass mit dem Dich noch gehört haben: ja, hat er. Meiner (bisherigen) Erfahrung (mit Sterbenden) nach, bekommen sie sehr viel mit – auch wenn uns ihr Zustand etwas anderes vermitteln möchte. Es gibt einen Grund warum professionelle Pfleger mit Sterbenden bis zum Schluss ganz normal kommunizieren.

    Zu den neun Minuten möchte ich Dir sagen, dass – und das weiß ich von Leuten, die im Hospiz arbeiten – sehr viele Menschen, die vorher noch das Gegenteil behauptet haben, dann doch viel lieber alleine gehen. Da machen die Leute in nur einer Minute Übergabe vor der Tür in der Sterbebegleitung und *schwups* stehlen sich die Menschen in genau diesen 60 Sekunden davon. Das ist eine Entscheidung, die Dein Papa getroffen hatte für sich: zu gehen, wenn er in Ruhe gehen kann und niemanden an seinem Bett alleine lässt. Er wollte diesen intimen Moment für sich genau so – also mach Dir da keine Vorwürfe.

    Und jetzt … komm mal innen Arm, Kleene!

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  4. Als mein Papa starb, vor zweieinhalb Monaten, da waren wir in Mannschaftsstärke eingelaufen,und haben ihn begleitet. Endgültig gegangen ist er, als meine Mutter mal eben auf dem Flur war und alle anderen gerade duschen/umziehen/essen/schlafen gegangen waren... Innerhalb von zwei Minuten. Ich hab den gleichen Eindruck gewonnen wie creezy. Die Leute gehen, wenn sie das wollen. Dass wir sie gehen lassen wollen, ist auch eine Voraussetzung, aber vielleicht spüren sie das deutlicher, wenn man sie dann auch tatsächlich allein lässt. Mach dir das Leben nicht unnötig schwer.

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  5. Wie schön Du das geschrieben hast, ich habe wieder so geheult! Mein Vater ist noch da. Typ Seebär. Umarmen können wir, Hand in Hand spazieren auch. Aber reden? NO GO. Wir sehen uns 3 x im Jahr und wenn es zu spät ist, werde ich schlecht schlafen. Gerade als ich eben am meisten heulte, kommt ein Kollege zur Tür rein und fragt mich, was los sei. Ich log: der Vater einer Freundin ist gestorben.

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    1. Anonym10/11/16

      Ich finde nicht, daß Du gelogen hast.
      Thymi

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  6. Er hat dich gehört, sonst wäre er nicht erst nach den 9 Minuten gegangen.
    *drück*

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  7. Ich bin hier sehr still, lese aber immer sehr fleißig mit. Ich drücke Dich und danke Dir (und Du solltest Dir auch danken) für die wundervolle Fähigkeit, diese Worte zu finden.

    Nun ist es so, dass mich mein Opa vor nun bald 18 Jahren abends am Telefon sprechen wollte und ich ablehnte, weil ich Fernsehen wollte. Ich war ein 11 jähriges Mädchen - demnach ist diese Entscheidung wohl nur natürlich bzw. normal im "Großwerdungsprozess" - trotzdem zerreißt es einen. Mein Opa starb in dieser Nacht für uns alle überraschend. Aber nicht für ihn. Er wusste es, das haben wir im Nachgang für uns klar bekommen.

    Was ich damit sagen möchte ist: Gegangene und geliebte Menschen fehlen einem immer. Ich glaub auch nicht daran, dass die Zeit alle Wunden heilt. Man lernt mit ihnen zu leben. Aber Abschied nehmen zu müssen - ob bewusst oder unbewusst - birgt immer ein Trauma in sich. Und Dein Trauma sind vielleicht diese 9 Minuten.

    Dein Papa wird sein Sterben oder Loslassen vielleicht sogar wirklich gesteuert haben. Und als Dortmunderin (sowohl beheimatet als auch im Kontext Fußball) kann ich auch nur sagen: Auf so einen Killefit kommt et im Endeffekt eh nich an!

    Ich wünsche Dir alles Gute!
    Chrissy

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  8. Liebe Juliane
    ich hab grad ein paar Tränchen mit vergossen ich hoffe es ist recht. 😓
    Als bekennender Teresa Caputo Fan sag ich dir: die 9 Minuten musst du dir nicht vorwerfen. Wenn du länger geblieben wärst wär er nicht in 9 Min. gegangen. Er hat es für sich entschieden.
    Und bitte ihn um Zeichen. Er wird sie dir geben. Ob ein Lied im Radio ein Vogel am Fenster... du must nur achtsam sein. Er ist bei euch wenn auch nicht sichtbar und hat an eurem Leben teil.
    Dicker Drücker
    Dani

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  9. Ich drück dich traurig aus der Ferne :(

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  10. *heul* *schnief* *virtuell drück*

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  11. du bringst hier ja viel zum heulen, auch mich ... traurig, aber auch schön geschrieben.

    bin ganz der meinung der anderen, dein papa wollte vielleicht alleine sterben und hat gewartet, bis du weg bist.

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  12. Schwiegervater starb, nach 4-wöchigem Koma, auch wenige Minuten, nachdem meine Frau aus dem Zimmer war. Sie hat sehr viel Zeit der vier Wochen dort verbracht.
    Auch sie war erleichtert, noch Dinge sagen und tun zu können, die vorher nicht gingen und die ganz bestimmt noch angekommen sind.

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  13. Sehr bewegend. Ich glaub ich hab es dir schon mal erzählt, mein Opa ist gestorben während ich nach meinem letzten Besuch und dem unausweichlichen Abschied, auf dem Heimweg war. Ich dachte danach auch: Wäre ich noch zehn Minuten geblieben... Aber das ist nicht relevant. Es war der Abschied, und sicherlich war alles gesagt und ich denke sowohl er als auch dein Vater konnten in diesen neun oder zehn Minuten in Frieden zum letzten Mal ausatmen nachdem wir uns von ihnen verabschiedet hatten. Sie haben wahrscheinlich noch beide auf uns gewartet.

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  14. Anonym8/11/16

    Liebe Misanthropin! Trauergruppe besuchen ist gut. Alle kräftig anheulen ist noch viel besser. die, die es brauchen weinen mit; die anderen merken, dass sie in der Trauergruppe nichts mehr zu suchen haben und machen schön Platz für solche wie Sie. Also kräftig hin. Mitfühlende Grüße I.

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  15. glauben sie mir, ich habs mehrfach erlebt, der Zeitpunkt zu gehen ist häufig alleine...selbst Kinder schaffen das.Warum auch immer...ich weiß es nicht.
    Mein Pap hatte keine Chance, mit oder ohne uns zu gehen.Und ich saß 250 km mit 10 monatigen Drillis weit entfernt.
    Ich habe lange damit gehadert.
    Frau Zimtkätzchen hat Recht, achte auf Zeichen..ich schwöre, er hat mir auch welche geschickt.( Und was war ich sauer, dass er sich anonym beerdigen ließ..ey!)
    Er ist immer noch hier, nach 18 Jahren. Ich weiß es.
    Ich drück sie mal, Frau Juliane, diesmal ganz ganz sachte.

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  16. Bin so schlecht in solchen Situationen. Trösten und die richtigen Worte finden und so. Gedrückt werden willste auch nich... Hmm..Du machst es einem aber auch nicht einfach, Julchen!

    Ich hab was leckeres, türkisches gekocht...und gebacken. Ich lass Dir einfach mal was da, ok? Das wird aber alles aufgegessen, hörst Du?

    *seufz*

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  17. Anonym9/11/16

    Ich habe heute morgen beim lesen hier Rotz und Wasser geheult. Meine Ma ist in den 5 Minuten gestorben, in denen ich mit ihrem Arzt auf dem KH-Flur war. Das ist nun fast 4 Jahre her aber es treibt mich immer noch um.
    Liebe Grüße,
    Jule

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  18. Anonym9/11/16

    P.S.(((((Misanthropin)))))
    Jule

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  19. Spätestens jetzt weiß ich, dass es mit der Misanthropie hier nicht so weit her ist! Und ich glaube, der Herr Papa war da ganz ähnlich gestrickt, manchmal muss man Liebe anders erfahren als durch "in den Arm nehmen".
    Ich habe letzten Sommer meine Oma verloren - die Oma, zu der ich Zeit meines Lebens ein eher gespaltenes Verhältnis hatte. Erst auf Ihrer Beerdigung ist mir auf einmal sonnenklar geworden, warum sie so war wie sie war und was sie im Grunde doch für eine starke Frau war. Ich bedaure es so sehr, dass diese Erkenntnis zu spät kam und wir nicht mehr darüber reden können.
    Du hast die Möglichkeit gehabt, Deinem Vater noch einiges zu sagen und ich bin sicher, es war auch für ihn ein befreiendes Ding. Die 9 Minuten, die hat er dir und sich geschenkt - ich kann mir vorstellen, dass es sich leichter stirbt, wenn man dabei auf niemandem Rücksicht nehmen muss.

    Mit einem tröstenden Drücker,
    Britta

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  20. Vor 13 Monaten ist mein Mann gestorben. Ich kann hautnah nachfühlen, wie es Dir geht.

    Trauergruppe fand ich scheisse. Die Menschen in meinem Umfeld dagegen waren und sind klasse.

    Ich drück Dich.
    Susi

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  21. juliane, schön und danke dafür. ich muss immernoch die tränen schlucken. ich wünsche dir kraft.

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  22. Sehr schön und ergreifend geschrieben. Vermutlich wollte er alleine sterben, deshalb hat er auch gewartet bis Du weg warst. Wie Du ja schon geschrieben hast, es war alles gesagt.

    Und ja, ich glaube wirklich daran ;)

    LG

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  23. Kingsizefairy19/11/16

    Man sagt ja immer "keiner stirbt gern alleine". Allerdings habe ich jetzt schon mehrfach gehört, dass die Leute dann gehen, wenn diejenigen, die ihnen nahe stehen, den Raum verlassen haben.
    Er hatte gewartet, du hast gesagt, was du zu sagen hast, er hat dich gehört (da bin ich mir 100%ig sicher) und so konnte er gehen. Die Sache war rund.
    Schwer ist das immer nur für uns, die wir zurückbleiben, damit klar zu kommen.
    Ich habe meine Eltern beide unter Bedingungen verloren, auf die ich hätte verzichten können. Den Tod meiner Mutter bzw. die Umstände ihres Todes verfolgen mich noch heute nach 11 Jahren :-(


    Trauer ist ein langwieriger Prozess. Vielleicht hilft dir das hier (ich hoffe, dein Englisch ist gut genug) http://www.thatericalper.com/2015/08/16/person-is-asking-for-advice-hn-how-to-deal-with-grief-this-reply-is-incredible/

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  24. Danke , IHR ALLE, für eure Kommentare!
    Ich habe mich echt gefreut über so viel Anteilnahme. Auf euch ist Verlass :-)

    Und an diejenigen, die ein Tränchen verdrückt haben:
    Das freut mich!
    Klingt komisch, is aber so.
    Ich freue mich, offenbar eine Text geschrieben zu haben, der mir gut gelungen ist und zwar so gut, dass er andere Menschen berührt.
    Das wiederum berührt mich sehr.
    Danke.

    !!!!*GRUPPENKNUDDLER*!!!!!

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  25. Anonym28/12/16

    ... hätte Dich gefahren ....
    LG Alex

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