Mittwoch, 14. Dezember 2016

Börsenbericht - Kandidat 0: Herr Reinlich

Das Interesse an Börsenkandidaten ist offenbar groß. Mangels Masse, lasse ich nun den allerersten Kandidaten aus dem Geheimblog (->wegen der Fummelei) frei.


April 2013:

Patient Zero: Herr Reinlich (45)

Ich lerne bei NeueLiebe.org einen Mann kennen.
Erst Gemaile, später telefonierten wir 3 Wochen lang täglich zwischen 2 und 5 Stunden.
Unser erstes Telefonat dauerte 3 Stunden und ich hatte anschließend 5 Stunden lang Herzrasen!
Der Typ hatte eine Stimme, die mir direkt ins Herz schoss, dann 'runter in den Bauch, wo sie die Horde Schmetterlinge aufscheuchte, die sich dort eingenistet hatte und von da aus direkt meinen Uterus zum Beben brachte.
Ich dachte 24/7 an ihn. Und ihm ging es genauso.
Nach 3 Wochen gestanden wir uns, dass wir verliebt sind und machten einen Termin zu einem ersten Treffen aus.

Für ihn war die Sache klar: aus uns wird ein Paar.
Ich selbst war nur zu 90% überzeugt; denn hätte ja sein können, dass er mich mit irgendwas abtörnt.

Mit Käseecken (diese Spuckebatzen in den Mundwinkeln) oder einem furchtbaren Eigengeruch oderoder...

Da er 80 km weit weg wohnt, einigten wir uns auf ein Treffen über's Wochenende bei ihm.
Er hatte sich sogar am Tag davor extra freigenommen, um die Bude auf Vordermann zu bringen und für uns einzukaufen!

Ich fuhr also am Samstag nachmittag mit dem Gedanken los:
"Am Sonntag Abend werde ich als liierte Frau zurück sein. Yay!"

Ich (weder im Besitz von Navi oder Smartphone) wollte eigentlich ins 80 Kilometer entfernte Essen und landete versehentlich im 120 km entfernten Köln. Google Maps ist ein Arschloch.
Zurück kam ich als Singlefrau.


Als ich mit einiger Verspätung vorfuhr, wartete er bereits am Gartentor.

Huch!
Stechender Blick aus dunklen, kalten Knopfaugen. War auf den Fotos nicht erkennbar gewesen, da er nie direkt in die Kamera geguckt hatte.
Segelohren.
Riesenfüße.
Dünn. Ich habe eine Abneigung gegen hagere Menschen; ich weiß nicht, warum, ist eben so und er war dicht an der Grenze zum Hageren.
Zur Begrüßung bekam ich einen schlaffen, feuchten Händedruck. Örks.

Bereits auf dem Weg zum Haus dachte ich:
"Scheiße, ich mag den nicht!"
Wie konnte das sein? Ich war doch eindeutig verliebt mit Herzrasen und Schmetterlingen und so!

Im Haus wechselte er die Sneakers gegen Adiletten.
A-di-letten!

Süß: er hatte, während ich (->Royalfan) durch Deutschland irrte, Fotos von der Schwedenhochzeit im TV geknipst und sich Notizen(!) zum Brautkleid gemacht.

Einen Anpfiff bekam ich für mein Geständnis: "Leider habe ich das Gastgeschenk zu Hause vergessen!". Eigentlich hatte ich ja mit "Aaaaw, wie lieb, du hast ein Geschenk besorgt??" gerechnet.
Aber er war der Meinung, dass man in diesem Fall "doch dann nicht sagt, dass man eins gehabt hätte!" (->hier bitte schulmeisterliche Strenge in der Stimme vorstellen!).
Also verkniff ich mir die grausame Wahrheit, nämlich, dass ich überhaupt kein Geschenk gekauft hatte. Har har!

Wir kochten direkt gemeinsam los. Was mediterranes mit Meeresfrüchten, viel frischen Kräutern und Weißbrot.
Während der Kocherei wirkte er allerdings insgesamt recht abgetörnt. Ihm ging es wohl wie mir.
Zwar kein Anpfiff, aber gequältes Aufstöhnen seinerseits, als ich mit einem der vielen Geschirrtücher ein paar Kaffeespritzer von der Spüle wischte.
Für jedes Küchengerät lag nämlich ein separates Geschirrtuch parat, um es nach jeder Benutzung zu säubern oder abzudecken. Und ich hatte wohl unwissentlich das zur Brotschneidemaschine gehörende Tuch benutzt. Skandal!

Wenigstens waren Wein und Essen grandios.

Trotz offensichtlicher Desillusionierung riss er sich zusammen und tat das, was er für Romantik hielt:
tiefer Blick in die Augen, verträumtes Lächeln, während er mit meinem Haar spielt. Frau wünscht sich sowas, ne? Ich konnte das nicht gut aushalten, mir war es zu kitschig, zumal zusätzlich im Hintergrund seine Lieblinge Naidoo und Silbermond 'rumheulten.

Dann erzählte er lang & breit von sich, wie er sich vom Bergmann zum Abteilungsleiter einer Computerfirma hochgearbeitet hatte; berichtete ausführlich von seiner Exfrau, die er 2 Jahren zuvor verlassen musste, um sich nicht von ihrer Panikstörung mit hinunterziehen zu lassen und schilderte detailreich und mit Tränen(!) in den Augen die Hochzeit 9 Jahre zuvor.
Wenn ich mal einen Schwank aus meinem Leben 'raushaute, reagierte er desinteressiert. Und ihr seid meine Zeugen: ich kann amüsant 'raushauen!

Und dann gab es diese Momente:
Er hatte beim Essen einen miniwinzigkleinen Klecks auf sein Hemd bekommen und regte sich derart und ausdauernd darüber auf, dass ich dachte, der springt jeden Moment auf und zieht sich um.
Er war völlig irritiert, dass ich nach 22 Uhr einen Kaffee wollte. Also wenn man schon mal zu Gast ist bei jemandem mit Jura, muss man auch zuschlagen!
Nach dem Essen ließ er mich die Tischdecke zusammenfalten. ZUSAMMENFALTEN!
Mitten beim postprandialen Knutschen entdeckte er, dass bei seiner Strickjacke ein Faden gezogen war und begann zu überlegen, wie man den Faden wohl einziehen könnte, da die Jacke von innen gefüttert war.

Warum ich nicht einfach nach Hause gefahren bin, fragt ihr?
Einfacher Grund: ich bin nachtblind.
Also da geblieben und auf 'ne scharfe Nummer gehofft.

Achtung!
Jetzt: Sexcontent.
Wer Bäh ist vor intimen Details sollte nun weglesen.

Irgendwann fingen wir also das Küssen an und das war ganz locker und lustig.
Seine Technik war furchtbar, aber das haben ja viele Männer nicht drauf:
Mund auf, Zunge raus und dann ordentlich im Partnermaul herumgewühlt, dabei noch das halbe Gesicht mit abgeleckt.
Dann fing er an, an meinen Fingern herumzulutschen. Örks. Ja mei, wem's gefällt...
Rüber ins Schlafzimmer.
Vor'm Bett angelangt, hängte er seine Klamotten ordentlich auf einen Dienerstuhl. Alles! Auch Socken und Schlüpfer.

Im Bett wurde kurz geküsst, kurz hektisch gefummelt.
Dann robbte er Richtung Süden, ich hatte plötzlich seinen Kopf zwischen meinen Beinen.
Ich hatte kaum den Gedanken "Huch! Cunnilingus ist aber ungewöhnlich für ein erstes Date!" zuende gedacht, da schmiss er sich schon mit den Worten "Hier bin ich!" neben mich auf den Rücken.
???

Ich muss wohl derart blöd und paralysiert aus der Wäsche geguckt haben, dass er mich rügte: "Juliane, der Spannungsbogen lässt gerade stark nach!", meine Hand nahm und an seine Kronjuwelen führte.
2 Minuten später: er sprang auf "Ich hole Zewa!"
Du liebe Güte, nichts, was der Rede wert gewesen wäre, er hatte ja schließlich keine Gallonen quer durchs Zimmer verspritzt!

Wir schliefen ein und wachten gleichzeitig auf.
Nett: er brachte mir Kaffee und Toast ans Bett.
Schräg: er brachte ein Netbook mit und zeigte mir "süße Kätzchen"-Videos.

Während er nochmal einpennte, ging ich duschen, putzte(!) anschließend das Bad und las mich durch seinen Stapel "Homes & Gardens".

Ich weckte ihn gegen 11, weil ich dringend einen Kaffee und einen neuen Google-Maps-Ausdruck brauchte. Die Jura quatschte aber nur von Trestern und Tabs.


Mit einem erschrockenem "Was, schon 11? Dann läuft jetzt die Wiederholung von Wetten-dass. Das habe ich ja gestern verpasst." sprang er aus dem Bett und machte den Fernseher an.
Äh, hallo?!

Nun gut, mir war klar, das wird mit uns beiden sowas von nix.
Eigentlich hatte er mir noch die Firma zeigen wollen, in der er Abteilungsleiter war, aber er widersprach nicht, als ich ihm sagte, dass ich nach dem Kaffee nach Hause fahren würde. 
Der Abschiedskuss hingegen hatte wieder Hollywood-Potential:
er nahm mein Gesicht in beide Hände, schaute mir tief in die Augen und küsste mich ganz sacht.
Und jetzt alle: Aaaaaww! 

Während er mir am Vorabend noch sein altes Navi schenken wollte, damit ich mich nicht wieder verfahre, reichte seine Zuneigung am Morgen danach nur für den Ausdruck von Google-Maps.
Netterweise geleitete er mich aber noch auf die richtige Autobahn.

Abends telefonierten wir ein letztes Mal.

Er sagte, dass es ein schöner und außergewöhnlicher Abend war, so ganz anders, als er es erwartet hatte (ja, bin eben Sauerländerin und kein süßes Weibchen!), dass er aber der Meinung sei, dass wir "konzeptionell nicht kompatibel sind", dass es zu viel "Simplex-Kommunikation" zwischen uns gegeben hätte und dass unsere Sympathien für eine Beziehung nicht reichen würde.
Genau meine Meinung.
Wir wünschten uns noch gegenseitig viel Glück bei der Partnersuche.


Wie konnte das passieren??
Vermutlich haben wir zuviel Wünsche und Sehnsüchte in den anderen hineinprojiziert und keiner von uns konnte das erfüllen.
Er braucht offensichtlich extrem viel Reflexion, Anerkennung, Bestätigung und Feedback. Ich bin niemand, der ständig bestätigt und feedbäckt.

Naja, wenigstens hatte ich 3 supisüße Herzklopfwochen, habe meine Autobahnphobie in den Griff bekommen und mal wieder n büschn 'rumgemacht.



Kommentare:

  1. Wie ist das jetzt eigentlich mit dem Geheimblog? Gibt es den noch oder fehlt mir inzwischen nur der Zugang?
    Wollte mir jetzt eigentlich mal alle dort verbratenen Stories zu Gemüte führen ;)

    Ansonsten kann ich nur sagen: Das fing ja schon gut an, konnte also nur mit so jemandem wie dem Proff enden. Wobei.. Ich glaube ja immer noch nicht dran, dass Du jetzt mit Synchronschwimmen anfängst.
    Und ans Aufgeben.. glaube ich irgendwie auch nicht. Du doch nicht! Aber ne Pause von dem Irrsinn finde ich gut - brauchte ich auch öfter ;) Schade nur, dass ich in der Zeit noch nicht gebloggt habe. Wobei ich bei Deinen Stories eh nicht hätte mithalten können.
    Ich wohnte in der falschen Ecke! :D

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  2. Anonym14/12/16

    Iiiiiiiiiiiiiiiiih....was ne fiese Möp!
    Amüsierte Grüße,
    Jule

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  3. Ich kann noch immer nicht fassen, dass du den rangelassen hast... Was für eine Pappnase, schauderhaft!
    (Und ich mag auch keine hageren Menschen - wahrscheinlich eine Erklärung, warum ich meine Männer immer so gut füttere. :D )

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  4. Gute Güte, Juliane, man möchte dich schütteln... wenn es denn so war wie man hier liest.

    Gruselnde Grüße,

    Britta

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  5. Grins, danke fürs auffrischen ;)

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  6. Ich erinnere mich mit Schaudern an diese Geschichte. Bua.

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  7. Gröhl. Kenn ich. 2 Wochen super Telefonate, danach Knutscherei mit einem Waschlappen und einem schlechten Gewissen, weil ich einen Krümel auf dem Sofa hinterlassen habe ;-)

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  8. Anonym16/12/16

    Huu, was für ein Zwangscharakter! Ich glaube, mich hätte schon ein lascher Händedruck komplett abgetörnt.
    Immerhin hast du ja wenigstens noch was Positives mitnehmen können => Autobahnphobie.

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  9. Definiere "rummachen"
    Zum Verständnis: das sind olle Kamellen ohne aktuelle Bewandtnis aus dem Geheimblog in dem du auch figgn darfst ?

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  10. ZUSAMMENGEFALTET
    :-o

    Ich schließe mich dem Kommentar weiter oben (unten? an: Bitte mehr davon!

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  11. Grundgütiger, was war das denn? Hast du denn wenigstens das Tischtuch richtig zusammengefaltet? Meine Schwiegermutter, ihres Zeichens Expertin für sowas, hat nämlich für jedes Tischtuch eine eigene Faltmethode. So kann man seine Gäste auch beschäftigen. ;) Wenigstens hat der Herr seine Socken ausgezogen.

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  12. Lady Juliane, Sie brauchen für ein erstes live-date locations wie diese hier, nur zur Sicherheit^^.

    Und ja, auch meine Bitte: MEHR DAVON! ♥

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    1. Ja, von Angela hab ich auch schon gehört. Die Gute hätte mir nur bei Mr. Clean nicht viel genutzt.

      Trotz Herzchen - NEIN! Lesen Se doch bei der nymphomanenLaterne... !

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  13. @ Helma:
    Klar gibt es den Geheimblog noch. Aber wo keine abartigen oder illegalen GEschehnisse, da no need for Geheimblog.
    Ich werde nicht mit Synchronschwimmen anfangen, aber ich liebäugele mit einem Tanzkurs. Teil 1 & 2 hab ich vor 10 Jahren schon absolviert. Wird Zeit, dass ich nun in die Profiliga wechsele :-)
    @ MIC:
    Jetzt mecker noch rum, Alter!
    Rummachen? Das Anfassen primärer Geschlechtsmerkmale, ohne anschließenden Koitus.

    @ Alle, die MEHR lesen wolle:
    Börsenmänner gibts hier definitiv keine mehr, aber ich plane eine neue Blogreihe, die da heißt: "Juliane unterwegs. Teil 1: Weihnachten bei MIC."
    Teil 2: Silvester mit dem Soulweeper.
    Teil 3: Karnevalistischer Deckenfalt-Kurs bei Scrooge.
    usw.usw.

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  14. Hey und ich bin Weihnachten bei der Bloggerin, die reich geerbt hat und Silvester bei der versexten Laterne (Vielen Dank für den Tipp, ich wusste, das Bloglesen wird sich auszahlen).
    Viele Grüsse und Frohe Weihnachten !

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