Freitag, 17. Februar 2017

Vorstellungsgespräche - Das Peinlichste

"Ich stehe jetzt einfach auf und gehe!", schlage ich dem Personaltyp vor, der mir gegenübersitzt.
Wider Erwarten ruft er nicht "Gute Idee, Sie selten dumme Nuss!", sondern ermuntert mich, noch weiter an den Werkzeugsdingern, die vor mir liegen, herumzurätseln.
Meinen Ausruf zuvor "Ach, das kenne ich, so eins habe ich zuhause 'rumfliegen, höhö!" fand er nicht mal lächelnswert und mein "Ganz klar, das ist eine ..äh.. Muffe?" hatte er mit gequälter Miene verneint.
"Was könnte man denn damit machen?", fragt er.
Ich glotz auf den Klotz. "Damit könnte man ..äh.. Rillen in ..äh.. etwas drücken?"
"Ja, und in was?"
- "In äh...äh..äh..äh.." Ich will  nach Hause!
"Was stellen wir denn hier her?" will er helfen.
Das ist es ja - ICH. WEIß. ES. NICHT!
"Schauen Sie doch mal auf die Schraube, die da liegt!"
- "Ach so! Damit macht man das Gewinde in Schrauben?"
"Ja! Und was macht man dann mit dem anderen  Teil da?"
- "Damit drückt man dann wohl oben diese ..äh.. Kerben ..äh.. Kreuze in die Schrauben?"
"Genau."
Puh, schwere Geburt. Leider freut er sich nur halb so dolle wie ich.

Die stellen also Schrauben her! Gut zu wissen.
Wieso ich das nicht weiß?!
Weil mein scheiß Datenvolumen just in dem Moment verreckte, in dem ich mir das Firmenprofil anschauen wollte. Also 5 Minuten vor Termin, im Auto sitzend.

Ich gestehe: ich bin ein Vorstellungsgesprächhopper!
Ich erschwindele mir Bewerbungsgespräche zu Übungszwecken.
Tut mir zwar 'n bisschen leid, den beschäftigen Personalmenschen Zeit zu stehlen, aber hey, so verbessere ich meine Selbstdarstellung, bleibe in Übung und komme auch mal 'rum und ich kann meinem Arbeitsberater jeden Monat eine volle Liste vorzeigen.
Und so kam es, dass ich von dieser Firma eingeladen wurde, die einen Industriekaufmann mit technischen Verständnis für den Vertrieb in Wechselschicht sucht.
Ich habe weder technisches Verständnis, noch habe ich jemals im Vertrieb gearbeitet oder könnte Schichten leisten.

Leider wurde dieses ganze Gespräch zum Supermegaepicfail.
Es begann schon damit, dass der Personaltyp mich sichtlich angepisst mit den Worten "Was machen SIE denn hier? Ich habe gar nicht mit Ihnen gerechnet!" begrüßte.
Er bemängelte, dass ich den mir zugemailten Termin nicht bestätigt hätte. Oh. Shit.
Naja, no news are good news, oder?
Mein "Tja, hier bin ich nun! Überraschung!" quittierte er mit steinerner Miene.

Zur Strafe legt er mir Stift und Taschenrechner hin.
Ich musste tatsächlich einen Test schreiben!
Wie so 'n Azubi!

1. Teil: Politik.
Es wurden mehrere Minister abgefragt.
Wie gut, dass der Personaltyp raus war und ich mein Handy dabei hatte. Ich kann mir nur die Gesichter merken und keine Namen.
"Wirtschaftsminister ist dieser mopsige da, der neulich erst Vater geworden ist von seiner halb so alten Zahnärztin, Sie wissen schon!" und "Außenminister ist dieser nette, ruhige mit den Grübchen, der seiner Frau eine Niere gespendet hat! Ganz, ganz nette Leute sind das."
konnte ich ja schwerlich hinschreiben.

2. Teil: Mathe.
4 Arbeiter brauchen für 1 Brücke 12 Tage.
Wie viele Arbeiter braucht es, um in 8 Tagen fertig zu werden?


Ich rechne herum, aber 2,6666 und 347 scheint mir beides sehr falsch.
Rein gefühlsmäßig tippe ich auf 6.
(Wie sich herausstellt, ist das richtig!! Wen es interessiert: 4 x 12 = 48 : 8 = 6. Danke, facebooksche Schwarmintelligenz!)

3. Teil: Englisch.
Paar Sätze übersetzen, in denen es um Terminverschiebung, Auftragsbestellungen und Lieferschwierigkeiten geht.
Ein Klacks.

4. Teil: Physik.
"Nennen Sie den Unterschied von Hartmetall zu Stahl"
Da gibt's 'nen Unterschied? Ist Stahl kein Metall??
Hier leider keine Antwort meinerseits, weil das Handy zu lange rödelt.

5. Angaben zur Person
"Berufe der Eltern"
Im Ernst?!
Bin versucht, Rentnerin und Leiche einzutragen, entscheide mich aber für Journalist und Architektin, was den Typ tatsächlich beeindruckt. *augenroll*

Der Personaltyp scheint mit meinen Antworten im Test zufrieden.
Dann fordert er mich auf, zu erzählen, was ich über die Firma weiß.
Fuck.
Ich stottere was von "Computer kaputt", "alle gespeicherten Infos über die Firma gelöscht" und obendrein "Handy defekt".
"Aber was wir herstellen wissen Sie?"
- "Sie ..äh.. arbeiten ..äh.. im ..äh.. Metallwarenbereich." Das tun so Firmen ja meistens.
"Wissen Sie denn, wofür die Abkürzung MDS im Firmennamen steht?"
- "Ja, äh.. klar, ähm.."
Aber er erklärt's lieber selbst: "Martin Dunker, so heißt der Chef, Sauerland."

Ich bin sicher, spätestens jetzt fordert er mich auf zu gehen.
Aber nein, er legt die o.g. Dinger vor mir auf den Tisch, die ich benennen soll. Zusätzlich soll ich noch eine Technische Zeichnung auswerten.
("Ich sehe ..äh.. eingezeichnete Winkel und ..äh.. Maße und Materialangaben")

Finally will er wissen, wieso ich so lange arbeitslos sei.
(Ja, ha ha!)
Eigentlich könnte ich nun sagen, dass ich gerade erst  meinen Erziehungsurlaub beendet habe, aber da er eh die ganze Zeit schon so entgeistert bis pissed guckt, habe ich Angst, dass ihn bei der Erwähnung eines Kleinkindes der Schlag treffen und er mit dem Gesicht auf die Glasplatte des Hartmetalltisches aufschlagen könnte.
Also stottere ich was von "Och... hab's nicht eilig... warte auf richtig tolles Angebot...bla..."
- "Aha, und wieso haben Sie sich ausgerechnet bei uns beworben?"
Nun kann ich ja schlecht sagen "Weil Sie eine alteingesessene Firma mit spitzen Renommé sind.", also sag ich  schlicht: "Sie bieten einen Arbeitsplatz - ich suche einen."

Holy Shit!
NOCH NIEMALS habe ich mich so dermaßen blamiert.

Ich würde zu gerne wissen, was der arme Kerl abends seiner Frau erzählt hat... Vermutlich bin ICH Schuld, wenn er sich in den Schlaf geweint hat, statt seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. 

Das Vorstellungsgespräch am Vortag war dagegen ja nahezu kuschelig! Dort bekam ich Kaffee und Visitenkarten angeboten und den beiden Chefs war es fast ein bisschen peinlich, dass die freie Stelle Arbeit abverlangen würde.

Übrigens, bei den rätselhaften Dingsbümmern oben handelte es sich um Flachwalzbacken und Kopfstempel.
Nun ja, who cares?
Maybe the one, der diesen Job machen will...? Ich also nicht.

Die Firma sucht übrigens immer noch bzw. wieder.
Wer Interesse hat - bitte melden :-)
Testaufgaben sind ja nun bekannt.


So, nun entschuldigt mich, nächste Woche stelle ich mich bei der Stadtverwaltung vor und muss noch die Namen aller Beschäftigen samt Sachgebiet und Durchwahl auswendig lernen, denn SO blamieren will ich mich nie wieder!


Label: Vorstellungsgespräch

Kommentare:

  1. *lach
    Ich hatte mich tatsächlich mal bei der Job Agentur (intern) beworben. Da wurde ich nach den gesetzlichen Grundlagen im Sozialgesetzbuch gefragt...ähnliches Ergebnis wie bei Dir ;-)

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  2. Oh man Juliane, Du bist echt ne Hausnummer :D

    Da wäre aber noch die Frage, ob Du Deinen Lebenslauf für diese Bewerbung entsprechend gefälscht ähm angepasst hast oder warum die Dich überhaupt eingeladen haben? Dann sind sie es nämlich selbst schuld. Jawoll.

    Also mich auf irgendeine Stelle bewerben, nur um im Training zu bleiben - Respekt. Soviel Mut hätte ich nun nicht, dahin zu gehen, wenn ich weiss, ich kann den Job eh nicht und will ihn auch gar nicht.

    Aber gut, dass Du Dich jetzt auf die anderen Stellen besser vorbereitest. So kann es ja dann endlich mal mit einer neuen Stelle klappen. Ich drück Dir die Däumchen!

    Lg
    Clara

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  3. Wieder einmal herrlich. Danke!

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  4. Anonym17/2/17

    [...}dass ihn bei der Erwähnung eines Kleinkindes der Schlag treffen und er mit dem Gesicht auf die Glasplatte des Hartmetalltisches aufschlagen könnte.[...]

    Mensch, Mensch, Mensch du lässt dir aber auch Chancen entgehen!
    Weißt du wie gut Stellen im Personal bezahlt werden? Und den Einstellungstest hättest du beim zweiten Mal mit LINKS geschafft! Ohne Schichtdienst!

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  5. Ach... vor vielen Jahren hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch was der Personale einläutete mit "hier haben Sie schon mal ein Freiticket um kostenlos vom Parkplatz runter zu fahren" und ich sagte "Danke, dann hat sich das Gespräch ja schon gelohnt, ich will danach noch shoppen."

    ähm ja, war jetzt auch nicht meine Glanzleistung.

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  6. Die Idee ist super. Oft da hin zu gehen um sich abzuhärten.
    Ist aber sicher (siehe vorliegendes Bsp.) genauso ätzend wie Abhärten unter der kalten Dusche. Immer wieder rein in den Schlamassel. Könnte ich nicht.
    Respekt !

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  7. Im Auto ist das Datenvolumen alle, aber im Test kann man fröhlich rumsurfen und Antworten suchen? Passt irgendwie nicht ganz zusammen :)

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  8. @ Nelly:
    Und doch wieder auf der falschen Teite des Schreibtisches gelandet?!
    @ Clara:
    Ich habe keinen blassen Schimmer, warum die mich eingeladen haben. Vermutlich haben die nur "Industriekauffrau" gelesen und sind direkt drauf angesprungen.
    @AGCC:
    Bitte.
    @ Anonym:
    Passiver Mord sozusagen - Das ist daran nicht gedacht hatte!
    @ Laterne:
    Hat sich wenigstens das Shoppen gelohnt?
    @ MIC:
    Ja, es ist ätzend. Aber hilfreich.
    @ Unknown:
    Im Auto hatte ich 5 Minuten, für den Test 15 Minuten.
    (Mal mitdenken vielleicht?!)
    Wie schön, dass meine Leser so gut aufpassen! Daumen hoch!

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