Dienstag, 16. Mai 2017

Vom urbexen und geocachen

Ich lungerte mal wieder vor'm Lost Place meines Begehrens herum.
Diesmal hatte ich Lucky samt Buggy zur Tarnung mitgenommen. Ich wollte als friedlich spazierengehende Muddi wahrgenommen werden und nicht als Hausfriedensbruch planende Kriminelle.
Urbexen ist ja das ideale Hobby für eine abenteuerlustige Fastfuffzigerin mit Tagesfreizeit, eigener Stirnlampe und den Dr.Martens "939". (Nicht. Aber egal.)

Wir zockelten über einen schmalen Waldweg und näherten uns dem Zaun.
Ich versuchte, aufgeschnittene Elemente im Maschendrahtzaun auszumachen.
Wenn ich hier hinten rein könnte, statt vorne an der vielbefahrenen Hauptstraße, wäre schon toll.
Noch toller wäre es, irgendwelche Urbexer abzufangen und mich denen anzuschließen. Gemessen an der Zahl der Videos und Fotos im Netz müssten die sich hier ja die Maschendrahtzauntorklinke in die Hand geben.

Lucky quengelt ("Im Auto geeehn!"), der Zaun ist waldgrün und meine Dioptrienzahl ü12, was die Sache erschwert. Also zurück zum Parkplatz.

Wer im Internet nach "urban exploration" oder "lost places" oder "abandoned" googelt, dem öffnen sich ganze Welten!
Was für uns Alten früher Schloss Neuschwanstein, Eiffelturm oder Phantasialand, sind für die Jungen heute die UrologenvillaSchloss Tützpatz oder das Geisterdorf Immerath.
Riesenthema und bis zu dem Tag im Januar, an dem ich "Victoria Barracks" googelte, hatte ich noch nie was davon gehört.
Seitdem habe ich hunderte Fotos und Videos angeschaut und, zumindest virtuell, tolle "vergessene Orte" besucht.
Faszinierendes Thema; ich wäre sofort mit dabei, wenn...
... das Ganze nicht illegal wäre und mir eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch einbringen würde. Und gefährlich kann es auch sein.

Und wen sollte ich mitnehmen?
Alleine gehe ich auf keinsten.
Zu zweit isses mir auch noch zu unsicher, so ab 3, 4 Leuten wäre optimal und wenn dann noch mindestens 1 schwerbewaffneter Bodybuilder darunter wäre - spitze!
Ich bin nicht so 'ne coole Socke wie Lina, die am liebsten alleine geht.
Kind (in dem Falle Elvis) mitnehmen, wie Jackieta? Nee!
Unser Oppa, schon immer Freund vereinzelter, kleiner Gesetzesüberschreitungen, der wär mitgegangen. Mit Handfeuerwaffe. Aber der kann ja nu grad nicht.

Ich frage meine Nachbarin. Die kernige mit dem Hund.
"Näää! Sowas mache ich nicht. Viel zu gefährlich! Wenn du ein Hobby in der Art suchst, dann geh' doch geocachen!"
Ja, nee...
Geocachen ist sowas wie Urbexen für Weicheier. Ü-Ei-Suche im Wald, aber mit GPS. Allein schon die Aussprache: Geokäschn. Klingt eher nach "Käsch mich, ich bin der Früüühling!" statt nach knallhartem Abenteuer.

Also schreibe ich ein paar Urbexer in meiner Nähe an und bettele um Mitnahme. Manche antworten gar nicht, manche lehnen ab, ein paar zeigen Mitleid mit der älteren Dame.
Aber in die Kaserne will keiner, alle schon da gewesen. Ist wohl sowas wie ein Anfängerspot.
Ich willige ein, als mir jemand ein verlassenes Haus umme Ecke anbietet.

3 Wochen später:
Der sich meiner erbarmt habende Urbexer, sein Kumpel, dessen Schwester und ich gehen vom Parkplatz in sicherer Entfernung Richtung Haus. Mir geht die Düse und je höher die Düse, desto höher auch die Stimmlage, wie man auf dem Video hören kann.
In dem kleinen Ex-Lädchen vorne fehlen Glastür und Schaufenster komplett, am hinteren Anbau ist teilweise das Dach eingestürzt. Das Gebäude ist üppig mit Graffitis bekritzelt (Graffitis und Tattoos, das sind dieselben Leute, die sowas mögen, wa?), alles ist zugewuchert.
Ich will und darf vorgehen.
Kurz vor der Tür höre ich was im Gebüsch rascheln und kriege ad hoc 180er Puls, der sich auch bis zum Ende der Tour nicht verringern wird.
Während die anderen eher Angst vor dem Besitzer oder einem Sicherheitsdienst haben, gilt meine Sorge eher freilaufenden Hunden oder irren Killern.
Oder als Super-Gau: ein irrer Sicherheitsbeamter mit Listi, Taser und Hang zum Häutesammeln.


Was lauert dahinter?

Die anderen machen ausgiebig Fotos von dem Laden, dann geht's rein ins Nebengebäude. Da sieht's zwar nicht so schlimm aus, aber gruselig finde ich es trotzdem. Man steht da also mitten in einem miefigen Gebäude, von dem man nicht weiß, von wem und warum es verlassen wurde und warum es jetzt so vor sich hinrottet und irgendwie habe ich das Gefühl in eine fremde Privatsphäre eingebrochen zu sein und die Seele des Hauses zu stören (was jetzt abgedrehter klingt, als ich es meine).
Außerdem kriege ich die Fantasie nicht mehr aus dem Kopf, dass der ehemalige Besitzer, der aufgrund vieler übler Schicksalsschläge dem Wahnsinn anheim gefallen ist, hinter der nächsten Türe sitzt, mit dem Schrotgewehr auf uns zielt und raunt:"Ich habe schon auf euch gewartet" - irres Lachen, Schüsse.

Mein Puls rast vor sich hin. Hoffentlich falle ich nicht in Ohnmacht, hier so mitten in den Dreck!
Und dann mache ich ein paar klitzekleine Fehlerchen, für die mich meine neue Posse ("Possiii") hart disst!

Fehlerchen 1:
Ich ziehe eine Jalousie im Vorraum hoch, denn mir geht das Gewese im Halbdunkeln mit den Handy-Funzeln auf den Keks.
Huch! Großes Drama! Sowas macht man nicht!! Man lässt alles so, wie man es vorfindet! Mein Einwand, dass ich nur für bessere Beleuchtung für schönere Fotos sorgen wollte und die Jalousie ja wieder runter lasse, zählt nicht.

Fehlerchen 2:
In dem Haus liegen viele Dinge herum. Wieso die Leute bzw. ihre Erben privaten Kram nicht mitnehmen, bleibt mir ein Rätsel. Jedenfalls sehe ich in großmütterlicher Schrift einen Zettel auf dem Tisch liegen: ein Pflaumenkuchenrezept. Das stecke ich ein. Als Andenken quasi und zum Ausprobieren natürlich.
Huch! Großes Drama Teil 2! Man nimmt doch nix mit! Mein Einwand, dass der Diebstahl eines kleinen Zettels für uns als Hausfriedensbrecher ja wohl das geringste Problem sei und dass es doch eh keiner merken würde, zählt nicht.

Fehlerchen 3:
Vor uns waren schon viele böse Buben in dem Haus und haben Schrankinhalte auf den Boden geschmissen, Stühle umgeworfen, Fensterscheiben zerdeppert, etc. Mich als patente Hausfrau juckt es bei so einem Anblick in den Fingern; und während ich nach einem Besen schiele, um die Scherben beiseite zu kehren, richte ich ein paar Stühle wieder auf und stelle sie an den Tisch.
Huch! Großes Drama Teil 3! Man arrangiert nix um und räumt nicht auf! Das zerstört das Flair, die Aura, die ein "rotten place" ausmacht! Auf meine Frage: "Soll ich die Stühle nun wieder umschmeißen?" wussten die Herrschaften aber auch keine Antwort. 

Was ich bis dahin nicht wusste, es gibt einen Ehrenkodex für Urbexer (Einbrecher mit Ehrenkodex? Öhm... ok, nun gut):
"Take nothing but pictures, leave nothing but footprints."
Fuck, jetzt habe ich obendrein eine Menge fingerprints geleaved! Wenn hier demnächst ein Mord passiert, hat man mich am Arsch! Eigentlich müsste ich nun nochmal hin und so richtig sauber machen! Der Irre mit der Flinte wird's mir danken.


Alte Dokumente.
Wer zur Hölle, lässt denn sowas einfach rumliegen??


Sobald der Urbexer sein Video hochgeladen hat, stelle ich den Link hier ein. Ich hoffe, er schneidet meinen Lachanfall 'raus, den ich bekam, als er vor Schreck einen Satz machte, als irgendwo ein Rohr knackte.

Dieser Dreck überall!
Die Hausfrau in mir drehte sich mehrfach im Grabe um!


Jedenfalls...
habe ich meine erste Urbex-Tour geschafft und überlebt. War spannend, auch ein bisschen traurig, derart verrottete Räumen zu sehen, aber das muss ich nicht nochmal haben. Außer die Kaserne natürlich, da MUSS ich einfach hin.
Geht einer mit?
Ich steuere auch Plunderteilchen, Korodin und Handfeuerwaffe bei.
Na los, traut euch, ich bin jetzt schließlich Profi!


Und HIER meine Ausbeute.
Ja, man sieht nicht viel Haus, soll ja schließlich niemand die Hütte seiner Omma wiedererkennen und uns anzeigen, ne?

Kommentare:

  1. Sehr schnieker Artikel, Frau Juliane!
    Ich mag sowas ja auch, wusste nur bis gerade nicht, dass das einen Namen hat. Ich habe es bisher "verlassene Orte angucken" genannt. Wieder um einen Begriff reicher.

    Aber die Leute, die Du da dabei hattest, die sollen sich mal nicht so ins Höschen machen. Mech!

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  2. Ich lach mich gerade scheckig, seh dich in der Kittelschürze mit Putzeimer und Zeuch anrücken :-D Kopfkino at its best *Juliane-der-Schrecken-der-Urbexer*

    Sag mal ist das eine Kaserne oder ein ehemaliges Depot? Mitten im Wald in der Nähe eines Ortes der "höhe" drin hat? Denn wenn dem so ist....

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  3. @ Edelnickel:
    Ich bin früher mit meinen Vater gerne "Häuser gucken" gefahren. Da ging es aber weniger um Bruchbuden, als um schöne Villen :-)
    @ Goldi:
    Das ist eine ehemalige Kaserne samt Stadt sozusagen. Mit Kino, Supermarkt, Kirche, Werkstatt, usw.
    Höhe?? Welche Höhe solls denn sein?

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    1. Hat sich erledigt, keine Stadt, kein Kino usw. ;)

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  4. huhu....nu regen se sich bei FB nich so auf, Mutti kommt frisch vom Flundern und LIEST gleich ;) und kommentiert auf gegebenenfalls........;)

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    1. Nicht aufregen?? 6 Stunden hab ich hier dran rumgebastelt! 6 STUNDEN! Wenn ich nicht 2x versehentlich das bearbeitete Video gelöscht hätte, vielleicht nur 4 Stunden. Aber immerhin, ne?

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    2. so meine Gute, hier mein Kommentar : Never in my life könnte ich das, da hätte ich sowas von Küttel inne Buxe..never. Sie Teufelsweib, sie.
      achso, Miss M wäre wahrscheinlich kein guter UrbexbeschützerDOG, die würde mit ihrer Nase alles gnadenlos durchschniefen...und vor lauter Mäuse und sonstwas Jagd vollkommen die Contenance verlieren.

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  5. Sehr schön, Dein Angaschemong! Die Spannung bzgl. Häutesammler & Co. kann bestens nachvollziehen.

    "Die Seele des Hauses" klingt zwar abgedreht, ist aber was dran. Man spürt es und draußen ist es wieder weg.
    Vielleicht spürt man es auch nur, weil man so aufgeputscht ist und vor 2 Wochen einen Häutesammlerfilm gesehen hat.

    Würdest Du nicht 'ne Tagesreise entfernt wohnen, wäre ich sofort dabei.

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  6. Als ehemalige Fastfuffzigerin bin ich glaube ich sowas von raus.. hab die Hälfte nicht verstanden. So viele Fremdwörter... Urbexer, Geocachen, und und und... Gott, das ist so deprimierend bei Dir , Juliane!

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  7. Hallo! Ich les ja eigentlich nur still mit, aber diesmal hätt ich was für dich. Kommst du mal nach Südtirol? Dort haben sie nämlich 1918 alle Kasernen, Schützengräben, Lazarette aus der "Dolomitenfront" einfach stehengelassen und die gammeln jetzt so vor sich hin. Nix abgesperrt, da kann man einfach rein und die sind unterirdisch durch Stollen verbunden. Wenn man sich traut, geht man rein. Wenn man ein Skelett findet, sollte mans halt liegenlassen. ;-)
    Was für ein Horror-Film! :-)

    Google für dich: Val di Landro (zB)

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  8. @Juliane
    Wir sind als Jugendliche gelegentlich in verlassene Häuser eingestiegen, auch mit meiner Mutter war ich hier und da mal, sie ist da genauso neugierig.
    Und eines der ersten Dates mit dem Engländer führte uns in eine verlassene Fabrik - er hatte sowas noch nie gemacht. Das konnte ich ja so nicht lassen.

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  9. Anonym20/5/17

    Als Teenager mit Freunden ein verfallenes Sanatorium im Wald durchstreift. War gruselig und hat mich sehr ergriffen. Schrub dann einen Aufsatz , der mir die Note sehr gut einbrachte. Sollte mich beim Rektor melden. Meine stolz geschwellte Brust auf dem Weg dorthin könnte niemand Ermessen. Kaum saß ich im Besuchersessel, hat er mich dermaßen angebölkt, ob meine Eltern wüßten, wo ich mich Rumtreibe, ob ich wüßte, wie gefährlich das ist und ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Er würde mich im Auge behalten und wehe, noch mal so ein Ding....usw. Mein Berufswunsch platzte wie eine Seifenblase, nix mit Pyramiden Forschung! So war das! Nie vergesse ich diesen Anschiß, bin aber trotzdem immer wieder dort hin, hab es aber nie mehr jemandem erzählt. Auch nicht, das ich dort mal durch eine Holzdecke gestürzt bin und mir fast den Hals gebrochen hätte.....jaja. Grüße von Bridget Jones

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  10. Super !
    Soweit ich weiss, hatte die "posse" aber durchaus recht. Mach nächstes Mal ein Foto vom Rezept, dann kannste es auch noch nachkochen.
    Wenn ich da irgendwo in der Nähe wohnen würde, würd ich bestimmt mitkommen, wär aber auch mein 1. mal

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