Mittwoch, 20. Dezember 2017

Wie ich mal fast einen schönen Geburtstag feierte

Neulich wurde ich alt.
Ziemlich alt.
So alt, dass man nicht mehr von "Lebenshälfte" reden kann, sondern vom letzten Drittel.
Alles, was jetzt nur noch kommen kann ist Krankheit, Siechtum, Tod.
Was den Tod betrifft, schaue ich mir seit ein paar Monaten mit nahezu obsessiver Besessenheit Sterbevideos bei Youtube an.
Ja, gibt es.

Die Wochen vorher bewahrte mich mein abartig stressiger Job und die Annahme zweier Kolleginnen, dass ich 40 würde, davor, depressiv zu werden und an meinem Geburtstag selbst wollte ich das Beste daraus machen, in dem ich am Abend mit ein paar Leuten Essen ging.

Während ich den 40. noch groß gefeiert hatte, so richtig mit Location mieten und Unterhaltungsprogramm, wurde es diesmal, aufgrund einiger in den letzten 10 Jahren Weggestorbener und/oder Rausgekickter, klein und ruhig.
"Gesetzt" heißt das dann wohl.


Frühstück, einsam.
(Lucky guckte lieber Kika und Elvis schlief
den Rausch einer Fachschaftsparty aus.)
Mit Blumen, selbstgekauft(!).



Und ja, ich trug ein Krönchen!
Na und?!




Ich bekam einen Selfiestick und kann meine Outfits nun immer komplett knipsen!
(Also, sobald ich 'raushabe, wie. *hüstel*).
Ich stellte 6 Outfit bei Instagram zur Auswahl und die Mehrheit entschied sich ...
- nicht für das da oben, da der Favorit einen riesen Fettfleck aufwies.



Ab 50 bekommt man offenbar diese typischen Altmenschengeschenke.
Wenigstens konnte man's essen.
(Pro-tipp: sollte mir irgendjemand in der Zukunft eine Kerze mit meinem Namen
oder schlimmer: mit einem Bibelvers drauf, schenken, den töte ich mit der noch
verbliebenen Kraft meiner arthritischen Pfoten, werde davon ein Video machen und
es bei Youtube hochladen, damit alternde Frolleins sich das dann abends alleine
auf ihrem Sofa ansehen können und anschließend vor lauter Herzklopfen nicht
in den Schlaf kommen.)
Aber ..äh.. ich schweife ab.

Ich trug also das adrette Twinset, die Haare lagen gut, der Babysitter kam pünktlich und Elvis und ich machten uns auf zum Restaurant, wo uns mich die anderen schon erwarteten.
Drücker, Küsschen, Smalltalk und Geschenke wurden ausgetauscht.

Wir setzten uns und kaum hatten wir unsere Getränke bestellt, rief der Babysitter an, um ins Telefon zu heulen, dass Lucky sich ganz komisch benehmen würde:
"Eierloch" und "dämlich" hätte er sie genannt, sie mit Autos beworfen und ihr die KiZi-Tür vor der Nase zugeschlagen und sie wüsste jetzt auch nich *mimimi*...

Fun fact: sie (22) macht gerade eine Ausbildung zur Pädagogin.

Das Gör geht mir unter der Woche schon genug auf den Sack, weil es vor 10 nicht in den Schlaf kommt und mich so meiner kompletten freien Zeit beraubt, und nun versaute es mir meinen Geburtstag?
Meinen einzigen 50.??
Die 3 kleinen Stündchen, die ich relaxed und ohne Blagengedöns verbringen und in denen ich mich feiern lassen wollte????
Nü, das war wohl zuviel verlangt.
Ich stand kurz vor'm Apoplex. Mit Tetraplegie!

Elvis, der Gute, bot an, nach Hause zu fahren und an Heulsusis Stelle auf Lucky aufzupassen.
Aber da Frauen jedweden Alters kleine Kinder ja supisüß finden (also außer Frauen, die gerade im Besitz eines kleinen Kindes sind) wurde ihm von den Anwesendinnen aufgetragen, das Kinde geschwinde herzuholen.
Die Herren der Tafelrunde und ich weinten in unsere Schnapspinnchen.

Wie der Rest des Abends verlief, könnt ihr euch denken:
ist ein Kleinkind anwesend, dreht sich alles um's Kleinkind.

Sehr lecker war's!

Tja, und das war's mit meinem Fuffzichsten, nech.
Mehr gibt's dann auch tatsächlich nicht zu erzählen.

Ach doch...
Als wir spätabends nach Hause kamen, klingelte Lucky bei meiner muffeligen Übermirmieterin.
(Ja, genau die, die sich bei der Vermieterin beschwert hat, dass er zu laut badet.)
Arschblag.

Ich setze allerdings große Hoffnung in meinen 60.
Dann ist Lucky 13 und seit 3 Jahren im Internat.




Und hier noch die wichtigen Weisheiten einer Fuffzichjährigen:
- hock' dich beim Kotzen hin (ggfls. "Plexus oesophageus" googeln)
- Männer sind alle gleich
Doch.
Dohoch!
WOHL!
- einem Selfiestick liegt kein Manual bei
- vergeude keine Zeit damit, darüber nachzudenken, was andere über dich denken. 99% der anderen sind so mit sich selbst beschäftigt, dass es sie einen feuchten Furz interessiert, was du tust oder lässt
- wenn man wegen einer Blasenentzündung ein Antibiotikum nimmt, stinkt der Urin nicht nach Spargel, egal wie viel du davon verdrückst.
- im Manhattan Icetea ist kein Eistee

Sonntag, 3. Dezember 2017

Zwangsurlaub

Freitag kam ich ins Büro und erfuhr, dass ich in der kommenden Woche Urlaub zu nehmen hätte, denn die 2017er Urlaubstage dürfen nicht in 2018 mitgenommen werden.
Die Streber-Kollegin (die mich anfangs "langsam, weil alt" genannt hatte und mit der ich witzigerweise mittlerweile ziemlich dicke bin) hatte flugs in einer Excel-Tabelle ausgerechnet, wer von uns wann Urlaub nehmen müsse und ob ich was dagegen hätte, direkt ab Montag zuhause zu bleiben.
Hatte ich nicht.


Montag:
Ich fahre zu Elvis in die Sehr Große Stadt. Er möchte zu Ikea.
Da ich mich sehr selten in sehr großen Städten aufhalte, bin ich mit 28-spurigen Fahrbahnen überfordert und verwechsle prompt eine Auffahrt mit der Ausfahrt (nein, nicht als Geisterfahrerin! Malt's euch halt auf.)
Wusstet ihr übrigens, dass es Regeln für das Fahren innerhalb mehrspuriger Kreisel gibt? Naaa? Nee, ne?

In der WG angekommen bietet sich ein, oberflächlich betrachtet, gutes Bild: aufgeräumt und neutral riechend, aber in den Ecken tummeln sich Staubballen in Basketballgröße, im Kühlschrank finde ich Biowaffen (Eier, abgelaufen vor 3 Wochen) und ich zähle 6 Bierkästen, 14 Wodkaflaschen und keinen Staubsauger.
Im leeren 30 qm-Wohnzimmer steht ein Tisch, auf dem 2 Sprudelkästen und ein Pappbecher stehen. Ich will die Kästen vom Tisch räumen, darf aber nicht, da dieses Arrangement offenbar das Setting eines komplizierten Trinkspiels darstellt.
Der Verlierer muss den Sprudel trinken. Sagt Elvis.

Die Sehr Große Stadt ist so groß, dass die Strecke WG - Ikea genauso lange dauert wie Sauerland - WG, obwohl wir uns nur innerhalb der Stadt bewegen.
Ikeas sehen offenbar überall gleich aus: 17 Stufen hoch in die Showrooms, "Restaurant", 12 Stufen runter zum Kleinkram, SB-Halle, Kassen, links Kekse, rechts Hotdogs.
Ich verlasse den Laden mit 2 Ursulas (wer hat denn das vermasselt?? Däckö, Stryck oder Flaussyk - ok, aber URSULA?!)



Dienstag:
Eine Firma, bei der ich mich im Frühjahr bereits vorgestellt hatte, lädt mich zum 2. Gespräch ein.
Ich starte früh in die 15 km entfernte Stadt und liege sehr gut in der Zeit als ich mich knapp 1 km vor'm Ziel verfahre, trotz Navi (JA, DAS GEHT!). Wie wir wissen, ist Autofahren nicht gerade mein Hobby.
Also nochmal rund um den Pudding. Die Straßen sind voll und ich stehe 2 Minuten vor'm Termin vor der Firma. Es gibt keinen eigenen Parkplatz und so klappere ich alle Tipps der Tippse ab: Aldi, Getränkemarkt, Rathaus, Querstraßen. Alles voll. Parkhaus 4 km entfernt.
Laut Sekretärin ist das immer so.
Also jeden Tag rumgurken bzw. ins teure Parkhaus und 4 km quer durch die Fußgängerzone latschen? Nach 15 Minuten Gesuche greife ich zum Handy und sage ab.
Ich will mich schließlich verbessern.

Abends grabscht sich Lucky die Cornado-Tüte. Ich nehme sie weg, immerhin hatte er schon Gummibären. Er holt tief Luft, um loszubrüllen und ZACK! steckt ein Cornado in der Luftröhre.
Er röchelt und guckt erschrocken.
Ich halte ihn kopfüber über die Badewanne und wemmse auf den Rücken.
Er kotzt. Wieder auf den Beinen röchelt er nicht mehr, läuft aber dunkelrot an, das Gesichtchen ganz verzerrt.
Scheiße! Wen rufe ich zuerst an? Alltimeretter Nachbar Pellwitz oder den NAW??
Ich lasse Lucky nochmal über der Wanne baumeln.
Nochmal klopfen, nochmal kotzen und ZACK! ist das Cornado raus.
Lucky möchte an dem Abend nix mehr essen und geht widerstandslos ins Bett.
Puh. Mit diesem Kind machste was mit. Sowas ist dem lieben Elvis nie passiert.


Mittwoch:
Da ich mir bei der "21kg-Lucky-über-der-Wanne-baumeln-lassen"-Challenge was gezerrt habe, bleibe ich mit Rücken-/Nacken-/Kopf und Nurofen-Erdbeer-Overdose zu Hause und wasche mir den Wolf.
Ich freue mich auf's Shoppen in der Großen Stadt morgen.

Nachmittags hat Lucky seinen ersten Frisörtermin.
Ich habe Angst. Fabienne nicht.
Während sie Luckys Babyflaum wegsäbelt, redet sie pausenlos auf ihn ein. Er schweigt und guckt. 
Entweder ist er tatsächlich unbeeindruckt
oder er hat einen Zuckerschock dank der Gummibären,
die Fabienne ihm zuvor verabreicht hat. 
Kann auch sein, dass er sich gar nicht angesprochen fühlt,
denn sie nennt ihn Gustav. So heißt aber nicht das Kind,
sondern sein Plüschtier, was sie aber erst beim Bezahlen schnallt.


Donnerstag:
Nachts hat es 0,431 mm geschneit und der Verkehr liegt brach.
Laut Radio hat die Schneekatastrophe ausgerechnet die Große Stadt am übelsten erwischt.
Oh nein! Nicht noch ein Tag zuhause!!
Mittags rufe ich eine dort wohnende Bekannte an; sie sagt, die Straßen seien frei und der Katastrophenschutz abgezogen (Scherz!).
Danke, Radio Sauerland, du Lügenpresse!
In der tollsten Boutique des Sauerlandes finde ich wider Erwarten nix dolles, entscheide mich aber für ein paar Teile im Menopausen-Look (googelt mal #menocore - leider kein Scherz): eine Jogg-Jeans im Nubuk-Look, sieht cool aus und lässt die Wampe unbemerkt vor sich hinwabbeln; einen Fledermausflauschpulli, der garantiert keine hitzewellenbedingten* Schweißflecken sichtbar werden lässt und ein Shirt, das den cellulitösen Hintern gut bedeckt.
*die ich gar nicht mehr habe, dank Mönchspfeffer
Eine Klamotte von DooF - wer hätte sie nicht gern?!



Freitag:
Der Mittwoch rächt sich jetzt: ich bügele mir den Wolf.
Und dekoriere die Hütte weihnachtlich.
Außerdem will ich mal wieder was bloggen: Gedanken zum nahenden Fuffzigsten und über meine Versuche, vegetarisch zu leben.
Habe aber keinen Bock.
Für lange Texte habe ich keinen Kopf im Moment. Außerdem tun mir seit dem Cornado-Vorfall zusätzlich die Hände weh.
Ich finde vielmehr Gefallen an Instagram und diesen putzigen kleinen Filmchen**, die man dort machen kann.
**können nur Mitglieder sehen.


Samstag:
Neuer Babysitter No. 1 kommt.
Da ich aber gar nix vorhabe, verkrümele  ich mich ins Auto und erfreue mich an Julien Bam-Videos (Guckbefehl!).


Ins Café kann ich leider nicht, da ich vergessen habe, einen BH anzuziehen, kein Makeup trage und sich ein Fleck auf dem Shirt befindet.
Die Schmerzen sind schlimmer geworden, ergo meide ich Bewegungen wie Spazieren gehen. Das ist doch kein normaler Muskelkater mehr! Bei Wärme wird's besser, vor allem in den Händen. Ist das Rheuma, Gicht, Altersstarrsinn??
Nach 1 Stunde sehe ich Lucky und Babysitter aus dem Haus kommen. Damit der Babysitter nicht sieht, dass ich bloß alleine im Auto abhänge, fahre ich rasch los zum Lädchen an der Ecke und erstehe 1 Swiffer für Elvis und 2 neue Perversitäten: Ahoibrause-Limonade und Edle Tropfen Kräuterbitter. Bah ey!
Aber: wenn man den Kräuterlikör aus den Pralinchen in einem Glas sammelt und mit der Ahoibrause mischt, geht's eigentlich.

In Erwartung eines monstermäßgen Geschmackserlebnisses
konnte ich die Kamera kaum ruhig halten.

Für abends begehrt ein nett aussehender Typ aus Nachbardorf via NeueLiebe.org ein Date. Ich lasse ihn abblitzen. Ich will lieber alleine zuhause auf'm Sofa hocken, Emrahs warmen Banana Dream French Toast essen und dabei Lost-Place-Videos von Jack "Horrido" Silver gucken. Und zwar für immer.
So weit isses schon...



Sonntag:
Da ich mich zeitmanagementtechnisch verhauen habe, kommt heute neuer Babysitter No. 2 (die Polizistin). Ich habe wieder nix vor, verstecke mich im Schlafzimmer und schreibe diese Zeilen.
Erst geht alles gut; nach 1 Stunde wendet sich das Blatt: Lucky fängt an, affig herumzualbern und sobald die arme Frau was sagt, ruft er Sachen wie "Halt die Schnauze, du Penner!"
Oh. mein. Gott.
Dieses Kind ist mir direkt aus der Hölle geschickt worden, als Strafe für mangelnde Verhütung.
Ich entschuldige mich 1000fach beim Babysitter, nenne ihr aber todesmutig einen neuen Termin, nämlich meinen Fuffzichsten, um diesen mit den artigen(!) Mitgliedern meiner Restfamilie (also die, die noch nicht weggestorben sind) au restaurant zu begehen.
Sie sagt, sie guckt zuhause in ihren Terminkalender und meldet sich dann.
"Nicht", denke ich und smse unserem alten Babysitter.
Die sagt prompt zu.
No. 2 eine Stunde später auch.
Argh!