Samstag, 28. April 2018

Der lustige Herr Asperger

Neulich bei Facebook schrub jemand:
"Jippieh! Um 20.15 Uhr kommt meine Lieblingsautistin Kommissarin Heller im ZDF!"

Ich persönlich gucke ja lieber Filme mit Einbeinigen, weil die so putzig hoppeln.*
Tja, so hat jeder seine eigenen Vorlieben, ne?
*SCHERZ!

Ich finde übrigens nicht, dass die Heller aspergerisch ist, sondern schlicht mufflig, untervögelt und mies sozialisiert.
Aber was weiß ich schon, ich bin ja kein Psychiater.

Menschen, die sich atypisch, unbeholfen und nicht regelkonform benehmen, sorgen ja gerne mal unfreiwillig für Erheiterung.
Deshalb hat Hollywood ja auch die Asperger-Autisten für sich entdeckt.

Wer kennt sie nicht?
Sheldon Cooper, Mr. Monk, die geniale Greys-Anatomy-Chirurgin Dr. Dixon, Kommissarin Noren aus "Die Brücke", der kleine Brick aus "The Middle", Raymond aus "Rain Man", Astrid aus "Fringe", usw.

Was aber auf der Leinwand witzig 'rüberkommt, ist es in echt -Überraschung!- nicht.

Mein neuer Kollege hat das Asperger-Syndrom und es nicht lustig, sondern anstrengend.
Also nicht ER ist anstrengend, er ist ein ganz höflicher, sympathischer, humorvoller junger Mann, der ein absolutes As in seinem Fachgebiet ist
Aber der Umgang mit ihm verlangt nach "Vor'm Reden denken!".
Da ist Feingefühl gefragt.
Man kann nämlich nicht einfach so wie immer daherschwätzen, man muss* darauf achten, was und wie man etwas formuliert.
*MUSS man natürlich nicht, es sei denn, man ist ein netter Mensch und an einem guten Arbeitsklima interessiert, in dem sich alle wohlfühlen.

Und dann fällt einem erstmal auf, wie oft und üppig man sich an Ironie, Sarkasmus und Zynismus bedient, die der Neue als solche nicht erkennt und alles wortwörtlich ernst nimmt.

Da ist es ganz besonders doof, wenn der profilneurotische Teamleiter ein dauersarkastischer Sack ist, der zwar um die Erkrankung des Kollegen weiß, sich aber null darum schert und es so zu einigen verunsichernden Situationen kommt.

Man muss auch die Wahrheit vertragen können, denn der Neue ist gnadenlos ehrlich.
Fragt man zum Beispiel in die Runde: "Meine neue Hose trägt doch auf, oder?" Rufen alle unisono: "Aber nein!"
Außer der Neue, der sagt JA.
Neulich zum Beispiel, in der Raucherecke:
"Ich wäre gerne eine Katze," hatte die einarmige Buchhalterin gesagt.
"An deiner Stelle wäre ich lieber eine Eidechse," meinte da der Neue. "Dann würde dir ein Arm nachwachsen, denn blabla..." und er hob an zu einer kleinen Abhandlung über Reptilien im Allgemeinen und Eidechsen im Besonderen.
Hui, hm, also, sowas hätte sich kein anderer getraut.
Für den jungen Mann aber nur logische Konsequenz: lieferste ein Stichwort, liefert er ab.

Aber ich bin eh ein Fan von Ehrlichkeit am Arbeitsplatz.
Einfach geradeaus sagen, was los ist und das Problem lässt sich aus der Welt schaffen.
Und während der Teamleiter unverständlich um jeden heißen Brei herumlabert, weil er sich ja nicht negativ besetzen will (siehe Lektion 1 im Handbuch "Mitarbeiterführung für Anfänger"), sorgt der Neue durch seine direkte Art für schnelle Lösungen.

Andererseits braucht er auch klare Ansagen.
Ein von der Kollegin diskret angedeutetes "Verpiss dich, wir wollen quatschen, Junge!" "Können Juliane und ich uns mal eben privat unterhalten?" quittiert er mit einem "Ja klar" und bleibt bei uns stehen.

Lange Rede, kurzer Bums (wie Nicolette immer so schön sagt):
Der lustige Herr Asperger / die lustige Frau Asperger haben es bestimmt nicht leicht, durch's Leben zu kommen und deshalb halte ich so eine Störung oder Krankheit für echt nicht geeignet, um als Comedy-Grundlage herzuhalten.
Wer kommt immer auf sowas?!
Hollywood halt, die vermarkten ja alles, wenn's ordentlich Kohle bringt.

Also, seid nett und hilfsbereit zu allen* und lacht nicht über Andersartige!

Eure Juliane


*außer zu den Arschkrampen natürlich, is klar,ne?!

Kommentare:

  1. Anonym28/4/18

    Nett sein ist nicht schwer❤man braucht nur ein gutes Herz und etwas Empathie. Schrub Frau Gräde,die es feiert nun auch im wilden Westen lesen kann

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  2. Ich gebe die da völlig Recht, allerdings sind deine eingangs genannten Filmfiguren nicht alle Asperger-Autisten: Sheldon Cooper ist laut eigener mehrfacher Aussage und der seiner Mutter von Ärzten getestet worden und nicht „verrückt“. Monk leidet unter Zwangsstörungen und spezifischen Phobien, die von Traumata ausgelöst wurden. Beide sind keine Asperger-Autisten, sondern einfach nur Menschen mit oft seltsamen, sozial nicht angepassten Verhalten, die andere extrem nerven können. Umgangssprachlich „Stiesel“ genannt. Bin ich aber auch sehr oft. Genauso wie viele andere, ohne zum autistischen Spektrum zu gehören.

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  3. Wie schön, dass Du Dir im Gegensatz zum Teamleiter auch die Mühe machst, Dich auf den Kollegen einzulassen. Ich höre von autistischen Menschen immer wieder, wie sehr sie darunter leiden, dass Nicht-Autisten ihnen feindselig begegnen.

    Schön Frau Juliane, dass Du das anders handhabst ♥

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  4. Anonym29/4/18

    Auch wenn die Krankheit auch irgendwie faszinierend für mich es, es isst v.a. auch anstrengend mit Autisten. Habe da auch meine Erfahrung. Aber mehrere Stunden am Tag bei der Arbeit, glaube das könnte ich nicht.
    Aber er passt in euer Team, oder? Nicht böse gemeint, aber du hast mal geschrieben dass alle Kollegen irgendeine gesundheitliche Herausforderung haben.
    LG
    Marion

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  5. Anonym12/5/18

    Grüss dich, Juliane, nein, bitte mach mit deinem blog weiter........... ich schau immer wieder gern rein, lache oft herzhaft und lerne auch einiges dazu - gerade von deiner Art, die Welt zu sehen. lG Gabi KK

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  6. angarasu:
    Ach? In der Liste der Asperger-Charaktere im Film sind die aber auch genannt.
    Marion:
    Ja, er passt ins Team ;-)
    Gabi: OK :-)
    Clara:
    Zeige mir einen Außenseiter und ich zeuge dir meine Fähigkeit zur Nächstenliebe :-)

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