Sonntag, 30. August 2020

Lucky geht zur Schule

2004.
Elvis' Einschulung:
3 Stunden in der überhitzen Aula, in der sich i-Dötzchen, Eltern, Oppas, Geschwister und Schwippschwägerinnen 9. Grades drängeln.
Der Direktor spricht, der Pfarrer segnet jeden einzelnen, Ommas weinen, i-Dötze gähnen, die Zweitklässler singen das ABC-Lied, die Lehrer sprechen, Kuchen wird verteilt, die Kinder gehen in ihre Klassen.



2020.
Luckys Einschulung:
i-Dötze und Eltern stehen in großem Abstand auf dem Schulhof, weswegen der Direktor seine 3-Minuten-Rede brüllt.
Ommas, Geschwister und Schwippschwäger sind nicht erlaubt.
Die Zweitklässler führen "Raupe Nimmersatt auf".  Ich gähne.
Die Kinder folgen ihrer Lehrerin in die Klasse zum 1. "Unterricht".
30 Minuten später ist die Chose erledigt.
Corona hat nicht nur schlechte Seiten.

So weit - so gut.

Aber dann:

Montag
Ich hole Lucky ab.
Er ist sauer, dachte, Unterricht dauert immer nur 30 Minuten, wie am Einschulungstag.
Als er sich zuhause die Klamotten vom Leib reißt, sehe ich Schrammen an Armen und Beinen und ein vollgeblutetes Riesenpflaster am Knie.
Er sei bei Räuber-und-Gendarm hingefallen, der Gendarm hätte beim Verhaften wohl zu dolle geschubst.
Die Pausenhofaufsicht hat ihn zum Krankenzimmer gebracht und verpflastert.
Wunde und Pflaster bilden eine unholy union, das Pflaster lässt sich nicht lösen.
Ich rufe die Lehrerin an, eine Info wäre schön gewesen; außerdem möchte ich wissen, wie mit solchen Situationen grundsätzlich umgegangen wird. Lucky ist erst 5, kennt keins der Kinder und hat auch noch keine erwachsene Bezugsperson.
Sie versichert mir, dass sie selbst ihn verarztet und ihn, so gut es im Rahmen der hygienischen Vorschriften ging, getröstet hat.


Dienstag
Elternabend.
Die Eltern machen alle einen sympathischen und normalen(!!) Eindruck.
Die Lehrerin erklärt uns die teilweise hanebüchenen Hygienevorschriften, die es zu beachten gilt. Ausflüge, Gottesdienste, Waffeln-backen-für-Bedürftige, Sommerfest fallen dank Corona aus.
Dass sich 23 Eltern 2 Stunden lang im 25qm-Klassenzimmer drängeln, scheint hingegen kein Problem zu sein.
Ein paar Mütter erkundigen sich nach dem genauen Lehrplan des 1. Halbjahres.
Hm, was werden i-Dötze wohl im 1. Halbjahr lernen? Zahlen und Buchstaben vielleicht?
Und wieso muss man das als Mutter so genau wissen?


Mittwoch
Ich sitze seit 1 Stunde im Büro, als die Schule anruft:
Lucky ist wieder auf sein schlimmes Knie gefallen, heult und lässt sich nicht beruhigen.
Ein paar Viertklässler haben ihn geärgert und geschubst.
Es sind ein paar Schrammen am Brustkorb dazu gekommen.
In der Apotheke decke ich mich mit Wundheil- und Desinfektionsgedöns, Pflastern, Netzen und Binden ein.
(Spoiler: Pflaster, auf deren Packung steht "Verklebt nicht mit der Wunde!", verkleben mit der Wunde).
Zuhause verbringen wir insgesamt 3 Stunden damit, das Pflaster zu lösen.
(Das Knie wird übrigens noch 3 Tage vor sich hin suppen.)
Mir schwillt der Kamm. Was ist das für ein Asohaufen da?
Andererseits kann ich Luckys Geschichte nicht ganz glauben:
woher weiß er, dass es sich bei ihm fremden Kindern um 4.-Klässler handelt?
Und außerdem: die Viertklässler sind doch die Paten der Erstklässler!?


Donnerstag
Ich verabschiede Lucky an der Eingangstür.
Ich bin noch nicht ganz wieder beim Auto, als ich ein Kind losbrüllen höre, dann ein MAMA!!!!!
Oha. Lucky humpelt heulend auf mich zu.
Er will nicht in die Schule, hat Angst vor den Viertklässlern.
Tja, äh, was tun? Ich darf das Gebäude ja nicht betreten. Nach Hause gehen? Den Rest der Woche zuhause lassen? Ihn womöglich 1 Jahr zurückstellen lassen?
Wir trauen uns ins Sekretariat.
Die Schulsekretärin kümmert sich sehr liebevoll um ihn und bringt ihn in die Klasse.
Als ich ihn nachmittags abhole, guckt er immer noch aus rotgeränderten Äuglein...

Abends ruft die Lehrerin an:
ein Mitschüler hatte die ganze Sache beobachtet und ihr berichtet. Es waren tatsächlich die fiesen Viertklässler, welche von ihr und dem eigenen Klassenlehrer einen megamäßigen Anschiss bekommen haben.
Außerdem erfahre ich, dass einige andere Kinder in Lucky Klasse auch erst 5 sind und auch mit der neuen Situation zu kämpfen haben und das aber ganz normal wäre und sie keinen Grund sähe, Lucky deswegen zurückstufen zu lassen.
Aha.


Freitag
Die Lehrerin nimmt Lucky, wie abgemacht, vor der Schule in Empfang und sie gehen gemeinsam in den Klassenraum.
Abends ruft sie an.
Er wollte zwar, dass ich ihn abhole, aber sie konnte ihn gut trösten und ablenken.
Ach ja und nochwas: er hat ja als erster in er Klasse Geburtstag. Leider sind Mitgebsel und Kuchen verboten.
Yay!!
Aber ich könnte dann eine Spende machen für die Spielkiste.
Hmpf.


Samstag + Sonntag
Ich darf weder das Wort mit SCH aussprechen, noch will Lucky über die SCH reden.
Puh, holpriger Start.



2. Woche
Montag, Dienstag und Mittwoch
Lucky weigert sich die Schule zu betreten und weint herzerweichend.
Dank der liebsten und hilfsbereitesten Schulsekretärin NRWs schafft er es doch, zur Klasse zu gelangen...


Donnerstag und Freitag
Lucky betritt ohne Murren, Heulen und meltdown das Schulgebäude.
Yes!


Samstag und Sonntag
Ich darf straffrei das Wort mit SCH aussprechen und Lucky erzählt tatsächlich das ein oder andere Schulerlebnis.
Puh.


Es kann nur besser werden...
Es kann nur besser werden...
Es kann nur besser werden...
Es kann nur besser werden...
Es kann nur besser werden...
Es kann nur besser werden...

Kommentare:

  1. Oh man, was ein grausiger Start.
    Ich hoffe echt es wird besser und bleibt auch so...

    LG 5jungsmami 😊

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  2. Oh, das war ein schwerer Start. Mein Mantra all die Jahre mit den Kindern „Es ist nur eine Phase“. Mittlerweile setzte ich es ständig ein, aber das ist ja eine andere Baustelle. Ich wünsche ihrem Sohn schnell gute Freunde. Zusammen geht vieles besser. Da kann man sich besser wehren. ����

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  3. Anonym30/8/20

    ogottogott - er tut mir so leid. wie hälst du das nur aus! ich meine das ganz ehrlich. deine berichte erschüttern mich.

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  4. Uff, so sollte Schule wirklich nicht anfangen. Ich hoffe, das mit den fiesen Viertklässlern hat sich jetzt erledigt und er kann Freude am Lernen entwickeln. Alles Gute!

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  5. kiddo the kid9/9/20

    Oh Mann. Das tut mir leid. Bei uns war es sehr ähnlich – ohne das Ärgern von älteren Kindern, aber mit Tränen und Verzweiflung. Jetzt, in Woche 4, hat sich die Lage weitgehend beruhigt. Ich hoffe, der Frieden hält ein bisschen an. Es bricht einem ja auch direkt das arme Mutterherz, wenn man so einen weinenden armen Tropf am Schultor abgeben muss. Ganz eventuell habe ich dann auch auf dem Arbeitsweg geheult.

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  6. Armes Kerlchen, hoffentlich findet er schnell Freunde!
    Und dir gute Nerven die nächsten 10 Jahre oder so...

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  7. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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