Aber Herr Reinlich war nicht mein erstes NeueLiebe.org-Date.
Also nun der Reihe nach:
Nr. 1: Der Diplom-Wirtschaftswissenschaftler (50)
Yay!
Endlich mal ein Mann mit Abitur und abgeschlossenem Studium!
Obendrein sieht er wikingermäßig gut aus:
sehr groß und breitschultrig, mit langen, graublonden Locken und graumeliertem 3-Tage-Bart.
Er spielt Gitarre und Bratsche, malt expressionistisch und zwar so gut, dass er regelmäßig in einer Galerie vernissagisiert (..äh..).
Er lebt alleine mit seinem Australian Shepherd (eine der wenigen Hunderassen, die ich akzeptabel finde) in einem freistehenden Einfamilienhaus und hat einen Sohn in Elvis' Alter.
Er trinkt weißen Tee, isst gerne chinesisch, liebt Christopher Moores Bücher und hat als Wunschreiseziel die Highlands angegeben - genau wie ich.
Seine Mails sind originell, unterhaltsam und fehlerfrei.
Einziger Minuspunkt bis dahin: er steht auf diese furchtbare 70er-Mucke von Pink Floyd, Deep Purple, Led Zeppelin und Uriah Heep, von denen er mir dauernd youtube-Links zusendet.
Egal.
Nach 1 Woche angeregtem Mehrfachprotag-Mailing telefonieren wir das erste Mal.
Schöne, klare Stimme; überraschend jugendlich für so'n alten Sack.
Wir verabreden uns im Café del Sol.
Ich bin unglaublich aufgeregt. Mein Herz rast, mein Hirn kribbelt, ich habe weiche Knie und bete, dass es mich nicht ausgerechnet jetzt, beim allerersten Date nach über 10 Jahren, dahinraffen möge.
Als ich ankomme, steht da zwar ein Typ mit langen blonden Locken, aber das kann er unmöglich sein.
Er sieht mich und strahlt - doch, er isses.
Scheiße.
Stellt euch vor, ihr habt Brad Pitt erwartet und vor euch steht Gerard Depardieu.
Gut, der Herr Wirtschaftswissenschaftler hatte zwar am Telefon zugegeben, dass die Börsenbilder 2 Jahre alt seien und dass er mittlerweile ein paar Pfund zugelegt hätte, aber ich hatte nicht mit ein paar Dutzend Pfund gerechnet, von denen sich merkwürdigerweise 3 Dutzend nur auf Bauch und 1 Dutzend auf's Gesicht verteilen.
Tja, mitten in die Fotofalle getappt.
Ich bin direkt angepisst und fühle mich ziemlich verarscht.
Unfair!
Ja ja, ich weiß, ich bin supi oberflächlich und unter dem ganzen Fett ist bestimmt ein totaaal dufter Typ versteckt, was er ja auch durch die Mails und die Telefonate bewiesen hat, aber... nee.
NEE!
Ich will jetzt auch mal einen Schlanken, Gepflegten, der auf seinen Körper achtet. Ohne Essstörung und dergleichen. Ist denn das zuviel verlangt?
Gutmensch, der ich bin, beschließe ich, ihm trotzdem eine Chance zu geben, die er allerdings direkt vertut, als er auf mein zugegebenermaßen recht muffliges: "Was geht?" mit "Was geht? Alles was 2 Beine hat. Was geht ab? Hoffentlich nicht die 2 Beine!" antwortet.
UnserOppa-Niveau.
Nun gut, wir betreten das Café und setzen uns.
Was ich nicht bedacht hatte:
jemand mit Abitur hat eine Menge Wissen und demzufolge eine Menge Wissen kundzutun.
Soll heißen: Mister Piggy labert ohne Punkt & Komma.
"Simplex- statt Duplex-Kommunikation" würde Herr Reinlich jetzt diagnostizieren.
Beim Labern zittert und schwabbelt sein enormes Doppelkinn.
Wenn er mich anlächelt, drücken seine prallen Riesenspeckbacken seinen Mund soweit zusammen, dass ein richtiges Lächeln gar nicht möglich ist. Sowas habe ich noch nie gesehen. Verstörend irgendwie.
Auch sein Sinn für Humor lässt zu wünschen übrig.
Seine Schilderung, dass in seiner Stadt neulich ein Polizist verknackt wurde, weil er mit Blaulicht & Sirene zur Pizzeria fuhr, kurz bevor diese schloss, kommentiere ich mit:
"Wenn das nächste Mal ein Einsatzfahrzeug hinter mir auftaucht, werde ich anhalten, aussteigen und fragen, ob es sich um einen Notfall oder bloß um Hunger handelt."
Akzeptable Antworten: "Hihi!", "Haha!", "Höhö!" oder "Jau, mach' das!"
Seine Antwort:
"Damit machst Du Dich aber strafbar! Wenn man nämlich ein Einsatzfahrzeug im Einsatz behindert, dann ist das nach Paragraph blablabla..."
"Nachher ist man immer schlauer" heißt es. Stimmt. Ich weiß jetzt eine Menge über
- Lamazucht in Mitteleuropa
- die Nutzung von Sondersignalen nach Paragraph 38 der StVo
- die psychologische Zerrissenheit eines Polizisten bei Waffennutzung
- die Firmengeschichte von SAP
- Felltrocknung bei Siamkatzen
- pro & contra und chemische Zusammensetzung von Silikonen in Haarpflegeprodukten
- den Unterschied von seafoamgreen zu surfgreen
- die seit 1996 vermisste "Oistrakh Stradivarius", die man vorzugsweise mit dem Nürnberger-Bogen spielen sollte (alles andere wäre Barbarentum!)
Das hat er mir -unaufgefordert- auf eine Serviette gekritzelt.
Ich hasse Erbsensuppe.
Ich hatte einen Cappuccino und einen Windbeutel** und verabschiede mich zur Strafe mit UrOmmas Kashmir-Trick.
Sehen wir uns wieder?
Von ihm aus gerne, von mir aus NO WAY und NEVER EVER!
Er ist mir schlicht zu schlicht, zu ernsthaft, zu nett, zu fett.
(Selbst-)Ironie, Sarkasmus & Zynismus, die 3, die ich sehr schätze, sind ihm völlig fremd.
Zusätzlich zum oben Geschilderten, hat er mir viel zu viel Geschiss am Hals: Sohn in der Psychiatrie, Exfrau im Koma, Vater Pflegefall, Schwester in U-Haft.
Ja, das ist schrecklich, der arme Kerl.
Aber das sollen bittschön nicht MEINE Probleme sein!
Bestelle niemals beim ersten Date einen Windbeutel. Sahnemassen und Milliarden Puderzuckeratome lassen würdevolles Essen nicht zu. Verdammt.