Unser allerletztes Beieinandersein.
Vor 1 Jahr, nachts.
Der Doktor hatte angerufen und gesagt, dass jetzt wirklich nichts mehr zu machen sei. Sepsis. Der Fluch jeder Intensivstation.
Ich hatte immer gesagt, dass ich mir auf keinen Fall meinen sterbenden Vater ansehen werde. Aber als es soweit war, wollte ich nichts anderes.
Ich war zu aufgeregt, um die 40 Kilometer zur Klinik selbst zu fahren. Wollte mit dem Taxi kommen, aber Elvis bestand auf Kusine Püppi.
Wenn es auf der Welt einen einzigen Mensch gibt, den du nachts anrufen kannst, um zu fragen, ob er dich zu deinem sterbenden Vater fährt, dann isses Püppi.
Du sahst gut aus.
In DEM Zustand und mit den ganzen angeschlossenen Apparaten und dann aussehen wie immer - Respekt!
"Korrekt" aussehen war dir immer wichtig. Hat ja bis zum Schluss geklappt.
Ich hab dir viele Sachen gesagt. Sachen, die ich dir im Leben nie gesagt hätte.
Aber jetzt, im Sterben, ging das.
"Sachen sagen" war ja nicht so unsers.
Der Arzt hat erzählt, du hast gewusst, wie mies es um dich steht und du hast es uns verschwiegen. Hast mit diesem Wissen alleine herumgemacht. Im Nachhinein weiß ich jetzt, wieso du dich in den letzten Monaten so verändert hattest. So zurückgenommen, fast schon philosophisch in deinen reduzierten Worten.
"Arm nehmen" war auch nicht so unsers.
Aber ich hab deine Wange gestreichelt, deine Hand gehalten.
Ich hab dir ein Dutzend Küsschen aufgedrückt und du konntest dich nicht wehren. Harhar!
Ich wünsche mir so sehr, dass du mich noch gehört und gespürt hast.
Und dann diese letzten 9 Minuten.
Irgendwann, nach 2 Stunden, hatte ich entschieden, nun ist es genug mit herzen und flüstern, es war alles gesagt.
Dass du dir keine Sorgen machen musst und gehen kannst, einschlafen kannst. Dass alles gut läuft. Dass die Kinder gesund sind und dass ich mich um die Oma kümmern werde, auch wennn sie mir auf'n Sack geht, kennst ja unser schräges Verhältnis. Und dass ich dich ganz lieb habe.
Dann entschied ich, dass es Zeit für mich ist zu gehen.
Püppi und ihr Mann saßen im Warteraum, die konnte ich doch nicht warten lassen die ganze Nacht. Nach einer durchgemachten Nacht hatte ich Angst, den nächsten Tag nicht zu schaffen, womöglich zusammenzubrechen: der hyperaktive Kleine, der Bestatter, die Oma im Krankenhaus, der Schock.
Und dann bin ich gegangen. Aber mit dem Gefühl, dass es ok ist.
Und ich habe dir zugetraut, diesen letzten Schritt allein zu gehen, so als alte deutsche Eiche, die immer alles alleine gestemmt gekriegt hat, mit eisernem Willen.
Du bist nur 9 Minuten später gestorben.
9 Minuten.
9 Minuten, die ich noch locker hätte warten können.
Diese 9 Minuten lassen mich nicht mehr los. Werden sie wohl nie.
Einige Leute habe ich telefonisch von deinem Tod informiert. Manche haben mir gesagt, ich klinge, als würde ich unter Schock stehen; das habe ich nicht verstanden.
Ich weiß, ich war beim Beerdigungskaffee viel zu aufgekratzt.
Ich hatte das Gefühl für's Gefühl verloren. Ich war einfach nur so unglaublich erleichtert, alles ganz alleine bewältigt zu haben, dich gut unter die Erde gebracht zu haben, wie man so sagt.
1 Jahr ohne dich ist vorüber.
Ich kümmere mich um Omma. Verhalten zwar, aber wir kommen klar. Es wird.
Sagt "Kommt, Kinder, ich mache mal ein Selfie von euch!" und wundert sich, warum Elvis und ich dann kichern wie blöde.
Sie hat sich ein Laptop gekauft und freut sich sehr, dass sie nun kabellos über den "Flickbock" ins Internet kommt.
Elvis hat nach 2 (in Worten: zwei) Tagen sein Studium geschmissen und geht nun nach Australien. Da könnten wir jetzt prima gemeinsam paniken, du und ich.
Der Kleine entwickelt sich super.
Traurig, dass er sich nicht an dich erinnern wird und dass ihr keine Zeit mehr miteinander habt.
Und ich?
Ich habe weder Zeit noch Raum zu trauern. Ich würde gerne diese Trauergruppe besuchen, habe aber Angst, dass ich dann so lange und heftig heulen muss, dass ich die Leute da verschrecke.
Ich hab ordentlich rumgemurkst in diesem Jahr.
Vor allem, was die Männer betrifft.
Ich sehe sie direkt vor mir, deine typische Hand-Stirn-Geste für solche Fälle.
Habe öfters gerufen "Hol' mich zu dir!". Du weißt, ich gehöre eher zum lebensmüden Typus. Tu's nicht, es besteht vielleicht noch Hoffnung.
Lange Rede - kurzer Sinn:
Du fehlst, du alter knorriger, kauziger Typ. Du, mein Papa.
PS: Es tut mir sehr leid, dass ich erst Tage später bemerkt habe, dass der Bestatter BVB-Fan ist. Gut, die schwarz-gelbe Brille und das gelbe Hemd hätten mir Zeichen sein können, aber hey, ich stand unter Schohock! Und ihr Schalker seid ja tolerant, nicht wahr?