Eigentlich wollte ich es ja nicht erzählen, aber in den letzten 8 Wochen hatte ich einen Aushilfsjob in einer psychiatrischen Klinik.
Ich vertrat eine erkrankte Mitarbeiterin, die sonst an der Rezeption im Eingangsbereich arbeitet und sich um Telefonate, Besucher, Post, Patientenanliegen, Neuaufnahmen, Speisepläne, etc. kümmert.
An dieser exponierten Stelle sitzend, und aufgrund der Tatsache, dass ich mittags im gemeinsamen Speisesaal mitessen durfte, habe ich Dinge beobachten können - Leute, ich sach euch...
Patienten, die zu einer bestimmten Krankheits-"Gruppe" gehören, weisen tatsächlich dieselben Charaktereigenschaften auf!
Dessen war ich mir gar nicht bewusst; dachte immer: jeder Jeck is anders.
Falsch gedacht.
Hier meine Feldforschungen:
Die Alkoholiker:
Menschen ab 55.
Immer latent jammerlappig unterwegs.
An ihrer vermaledeiten Situation sind natürlich alle anderen Schuld:
die böse Mutter, der ungerechte Chef, das schlechte Wetter, die Gesamtsituation.
Charakteristische Äußerungen:
"Immer ich! Ich kann nich' mehr! Ich will nich' mehr!"
Die Drogenabhängigen:
Meist Männer Ende 20 und ganz hatte Kerle.
Einige nur anwesend wegen §35 BtmG.
Immer latent gewaltbereit, aber nie wirklich handgreiflich.
Wenn sie nach 2 Wochen Entzug per Methadon wieder sprechen können, sagen sie meist Sachen wie:
"Boah, Alter ey, das Metha musse vorm Schlucken zerbeissen; dat knallt besser als Cheese sach ich dir, boah, höhöhö..." oder auch:
"Ey, fuck, Alter, schmeckt der Kaffee heute scheiße, ich hau dem Koch gleich eins aufs Maul, ey!"
Während sich unter den Alkoholikern der ein oder andere Akademiker befindet, sind die Junkies meist ohne Arbeit oder Ausbildung; gerne auch vorbestraft.
Charakteristische Äußerungen:
"Scheiße! Boah! Ey! Alta! Fresse! Fuck! Arschloch! Wichser!"
Ich hatte angenommen, dass, wenn man sich in einer Ausnahmesituation wie Entzug bzw. Psychotherapie befindet, man sich untereinander als Patienten verträgt, mottomäßig: geteiltes Leid ist halbes Leid.
Aber nee, Drogis und Alkis sind offenbar natürliche Feinde; wie Werwölfe & Vampire.
Die Alkis verachten die Drogis wegen ihrem outlawschen Dicke-Hose-Getue.
Die Drogis verachten die Alkis, weil sie ihr Heroinbeschaffungsgewese, die Zubereitungsrituale, den speziellen Slang und das Abhängen viel cooler finden, als orientierungslos lallend durch die Gegend zu torkeln.
Die Essgestörten:
- Magersüchtige:
Hauchdünne, extrem höfliche Mädchen im Teeniealter.
Huschen nahezu unbemerkt durch die Klinik. Reden wenig und wenn, dann sehr sehr leise.
Sind den ganzen Tag mit Kalorienzählen beschäftigt und überlegen sich immer neue Möglichkeiten, um die Kalorien heimlich wieder loszuwerden.
Eine Therapeutin hat mir einige von deren Tricks verraten. Wow, soviel Fantasie hätte ich auch gerne!
Charakteristische Äußerungen: "Ich wäre am liebsten unsichtbar!"
- Binge-Eater:
Übergewichtige, maulfaule Mädchen im Twenalter.
Im Gegensatz zu den hibbeligen Magermädchen, die jede noch so kleine Bewegung zum Kalorienabbau nutzen, bewegen sich die BEs selten und ungern. Versuchen verbotenerweise Essen von Mitpatienten zu schnorren.
Charakteristische Äußerung:
"Wie lange noch zum Mittachessen?"
Bei keiner anderen Erkrankung habe ich so viele Patientinnen bescheißen sehen, wie bei den Essgestörten. Hatte den Eindruck, dass die nicht wirklich gesund werden wollen und nur da sind, weil Mammi sie geschickt hat.
Die Zwangskranken:
Menschen jeden Alters.
Zählen gern.
Kommen meist zu spät zu den Sitzungen und Mahlzeiten, da ihre Rituale so zeitraubend sind.
Plauderei schlecht möglich, da immer wieder durch Zählen oder bestimmte Bewegungen unterbrochen wird.
Charakteristische Äußerung:
"...eins zwei drei vier fünf. eins zwei drei vier fünf. eins zwei drei vier fünf..."
Die Paniker:
Hypernervöse Frauen mittleren Alters mit Hang zur Hypochondrie.
Haben Angst vor allem und jedem.
Gerne auch vor eher unwahrscheinlichen Sachen wie Werwölfen, Weltuntergang oder versehentliche Vergiftung durch den Klinikkoch, sollte er mal Schierling mit Basilikum verwechseln.
Zu erkennen am permanenten Reh<->Scheinwerfer-Blick, ständigen Pulsfühlen und viel zu flacher Atmung, die bei der klitzekleinsten Unregelmäßigkeit zur Hyperventilation ausarten kann.
Charakteristische Äußerung:
"Hilfe, ich sterbe / kollabiere / kriege einen Herzinfarkt!"
Die Bipolaren:
Menschen mittleren Alters.
In manischer Phase trotz Medikation vielquasselnde Angeber.
Ziemlich egoman, reden am liebsten über sich selbst.
Wollen sich überall einbringen und übernehmen sich ständig.
Charakteristische Äußerung:
"ICH mache das! Ich KANN kann das! Ja klar, schaffe ich das! Wetten?! Ich verwette mein Auto, dass ich das schaffe!"
Die Depressiven:
Menschen jeden Alters mit Fresse bis auf die Schuhe.
Reden kaum. Bewegungen nur in slow motion.
Machen zwar jedes Therapieangebot mit, gucken dabei aber immer wie's Leiden Christi höchstpersönlich.
Eigentlich die interessantesten Gesprächspartner in der Klinik.
Charakteristische Äußerungen:
"Mhm." oder "*schluchz*"
Die Borderliner:
Meist weibliche Twens.
Tätowiert, gepierct und natürlich geritzt.
Isolieren sich von den anderen. Meist schlechtlaunig.
Laut Therapeutin die am schwersten zu diagnostizierende & zu behandelnde psychische Erkrankung.
Charakteristische Äußerung:
"Wann gibt's Mittach? Ich brauch' n Messer!"
Und dann gab's da noch den Gynäkologen, der immer Stimmen hörte. Reich, charmant, gutaussehend. Traumtyp. Aber total am Ende...
Mann, bin ich froh, dass mich das Schicksal da einigermaßen mit verschont hat!