Donnerstag, 3. September 2015

Armes reiches Mädchen

Zwischen 1987 und 1991 hatte ich eine beste Freundin: Michaela.
Wir (damals 17 und 19) lernten uns in der Handelsschule kennen und liebten uns sofort.
Gleiche Wellenlänge, gleicher Humor.
Wir verbrachten jede freie Minute miteinander; Schule machte Spaß, weil wir uns da wiedersahen und uns war klar: wenn eine von uns ein Mann wäre, hätten wir beide die Liebe des Lebens gefunden.

Sie war eifersüchtig auf meine Freundin Britta, ich war eifersüchtig auf ihre diversen Freunde.
Und Freunde hatte Michaela massig.
Einen festen Freund zu haben war für sie das Nonplusultra, weil sie überzeugt war, ihr Lebensglück hinge von einer harmonischen und romantischen Beziehung ab.

Harmonisch und romantisch war die Ehe ihrer Eltern nicht.
Der Vater hatte vor Urzeiten eine Affäre, worüber die Mutter einen Nervenzusammenbruch erlitt und jahrelang mit Panikattacken und Depressionen zu kämpfen hatte.
Die Mutter hatte dem Vater längst verziehen, aber Michaela redete kaum noch mit ihm. Und er kaum mit ihr. Ich habe noch nie ein derart unterkühltes Verhältnis zwischen Vater und Kind erlebt.

Die Mutter war eine echt coole Socke.
Unvergessen die Schote, als kurz vor der Konfirmation ihrer Schwester der Pfarrer unangemeldet die Einfahrt zum Haus hochspaziert kam. Gott sei dank (haha!) sah die Kleine, die sich mit Mutter, Michaela und mir in der Küche (neben dem Eingangsbereich) befand, ihn rechtzeitig, woraufhin die Mutter den Befehl gab: "Auf den Boden!" und wir 4 hockten so lange leise kichernd und prustend vor der Spüle unter'm Fenster, bis der Pfarrer wieder weg war.

Unsere Eltern mochten uns beide auch:
Papas 50. Geburtstag? Michaela wurde eingeladen.
Michaelas Schwester feierte Konfirmation? Ich war dabei.

Zu meinem 21. Geburtstag schenkte mir ihre Mutter Eintrittskarten für Holiday on Ice. Mit allem Drum & Dran: 1. Reihe-Plätze, Programmheft, Getränke, Souvenir und zum Abschluss ein Essen beim Chinesen. Das alles für 4 Personen (ich, Michaela, ihre Mutter und Schwester).

So toll ich Michaela fand, so nervig fand ich allerdings ihren zwanghaften Drang, unbedingt einen Freund haben zu müssen.
Wenn ein Junge mit ihr Schluss machte, war sie wochenlang am Boden zerstört, weil es für sie unerträglich war, dass jemand sie nicht mögen könnte oder sie gar ablehnte.
Das selbe Drama, wenn ein angeflirteter Junge nicht auf ihr Geflirte ansprang.
Da wurde dann akribisch analysiert, warum/wieso/weshalb?.
Erst verzweifelt, dann in Wutattacken endend ("Wie kann der sich anmaßen, mich abzulehnen?Er kennt mich doch kaum! Ich tu keinem was Böses, bin immer freundlich zu allen!")

Michaela stammte aus einer der wohlhabendsten Unternehmer-Familien des Sauerlandes.
Ich stamme aus einer der durchschnittlichsten Familien des Sauerlandes (Vater Handwerker, Mutter Verkäuferin).
Und das wurde unserer Freundschaft zum Verhängnis.
Das und ihr Zwang, bei allen beliebt zu sein, mindestens aber von allen gemocht zu werden.

Irgendwann treffen reiche Menschen zwangsläufig auf andere reiche Menschen und dann kann es sein, dass ein anhängiger Durchschnittsmensch als nicht gut genug angesehen wird.
Michaela hatte Tanzen für sich entdeckt und latschte regelmäßig in die nobelste Tanzschule der Stadt, schloss schnell Freundschaften und so unternahmen wir fortan häufig was mit den "reichen Kids".
Ein paar dieser Snobs meinten allerdings, dass ich als "Malocherkind" kein Umgang für sie wäre und irgendwann saß ich öfter alleine zuhause, während Michaela mit den anderen unterwegs war.
Wenigstens hielt sie einen Nachmittag in der Woche nur für mich frei.
Schwierig wurde es an ihren Geburtstagen: die reichen Schnösel und ich.
Sie dazwischen, sich sichtlich unwohl fühlend.

Irgendwann kritisierte ich ihr Gehampel "zwischen den Welten", woraufhin sie meinte, SIE hätte die Arschkarte, denn obwohl ihre neuen Freunde gegen mich stänkern würden, würde sie sich schließlich trotzdem mit mir abgeben.
Und verstand nicht, dass ich darauf angepisst reagierte, statt ihr vor Dankbarkeit die Füße zu küssen.

Dann lernte Michaela auf einer Familienfeier meine Lieblingstante kennen.
Tags drauf fragte sie, wie jedesmal, wenn sie jemanden von "meiner Seite" kennenlernte: "Und? Wie findet deine Tante mich?"
Ausgerechnet meine Lieblingstante fand Michaela doof: eingebildet, überkandidelt, etepetete.
Und weil ich einen miesen Tag hatte, Michaela mir mit ihrem reiche-Kids-Dilemma auf den Sack ging und es zu dem Zeitpunkt bereits ziemlich unentspannt zwischen uns lief, sagte ich ihr die Wahrheit.
Hui.
Tagelang verlangte sie sehr wütend nach der Telefonnummer und Adresse meiner Tante, um mit ihr auszudiskutieren, weshalb sie solch ein ungerechtes Urteil fällen könne, wo man gerade mal 3 Worte miteinander gewechselt hätte.
Ich gab ihr weder Nummer noch Adresse.
Das war das Ende einer einstmals wunderbaren Freundschaft...
Als die Schule endete, brach unser Kontakt ganz ab.

Jahre später traf ich sie bei Edeka, wir plauderten nett, dann ihre Spitze: "Schön, dass ich auch mal erfahre, dass du geheiratet und ein Baby bekommen hast. Ich hätt gratuliert, aber ich habe ja keine Geburtsanzeige bekommen!"
Hä?! Im Zoff auseinander, Jahre nicht gesehen und dann auf beleidigt machen?
Dass wir gar keine Geburtsanzeigen hatten drucken lassen, darauf ist sie nicht gekommen.
Sie lud mich zu sich ein, ich ging hin, auf'n Kaffee, wir fühlten uns beide unwohl, waren steif, wie Fremde.

Ich könnte noch so viel erzählen.
Zum Beispiel, dass Michaela superlange Zehen hatte, die in offenen Schuhen immer wieder für Heiterkeit sorgten.
Oder wie einer ihrer Freunde in ihr nagelneues Bett gepinkelt hatte, weil er geträumt hatte, er säße auf dem Klo.
Oder wie wir uns gemeinsam auf der Weihnachtsfeier der Grundschule der Schwester langweilten.
Oder wie wir uns vor kichern kaum halten konnten, als an der Kaffeetafel ihrer Oma deren Stomabeutel rhythmisch gluckerte.
Oder wie die Mutter aus Angst vor Entführung immer (wie sie meinte: heimlich!) den Securitymann der Firma hinter uns her schickte, wenn wir abends in die Große Stadt zum Clubbesuch aufbrachen.
Oder wie der Vater meckerte, dass er extra einen Pool hatte bauen lassen und dass alle dann doch lieber ins Freibad nebenan gingen, weil da mehr los war.

Wie komm ich da jetzt eigentlich drauf?
Ach ja, beim Ausmisten habe ich unser Notizbuch gefunden. Wir haben uns damals im Unterricht keine Zettelchen geschrieben, sondern nutzten ein kleines Buch.
Ich googelte, fand sie aber nicht.
Kurz darauf stand die Todesanzeige ihrer Mutter in der Zeitung.
Es trauerten: Michaelas Vater und ihre Schwester.
Wieso stand Michaela nicht dabei?
War sie mittlerweile mit dem Vater so zerstritten, dass man nicht in derselben Traueranzeige stehen wollte?
Lebte sie im Ausland?
Lag sie im Koma?
Hm, keine Gründe, sie von der Nennung auszuschließen.

Ich rief in ihrer Firma an und fragte nach ihr.
Die Antwort kam direkt und ungeschönt:
"Michaela ist seit 10 Jahren tot." 

*schluck*

"Selbstmord", sagt der Friedhofsgärtner, der neben mir vor dem Familiengrab steht. "Liebeskummer. Ich erinnere mich noch an das Begräbnis. Bleibt immer hängen, wenn so ein junger Mensch beerdigt wird. Sie war ja erst 35."

*schluckschluck*

Ich hätte mit allem anderen gerechnet: Unfall, Krebs, Herzinfarkt.
Weil das passiv klingt.
Ebola? Schlaganfall? Plattgefahren? Da kannste halt nix machen.
Aber ein selbstgewählter Tod hat so was megatragisches, weil da ein riesengroßes, lebenzerfressendes Unglück hinter steckt.
"Blöde Kuh", murmel ich, während ich ein paar Blümkes in die Vase stecke. "Wegen 'nem Kerl! Hättste mich mal angerufen, dann hätt ich dir von meinen Männerkrisen erzählt und dann hätten wir gemeinsam drüber gelacht!"

Ich überlege, wie sie es wohl gemacht hat? Tabletten? Brückensprung? Brückenpfeiler? Erhängt? Mit dem Jagdgewehr des Vaters erschossen?
Der Gärtner kann sich nicht erinnern.
Ich überlege, was das mit ihrer Familie gemacht hat. Mit dem Typ, mit dem sie zusammengewohnt und der Schluss gemacht hatte.

Am 07.07.70 geboren, sie wäre jetzt 45.
Statt dessen feiert ..äh.. begeht.. äh.. sie nun ihren 10. Todestag.

Dienstag, 11. August 2015

Brotkauf mit BH

Als ich heute nichtsahnend und nur so semi gelaunt den Netto betrat, traf ich wunderbarerweise auf einen sehr jungen Mann, der mir die sonst eher zähe Zeit des Großeinkaufs versüßte.

Der nette Nettoangestellte grüßte mich gar fröhlich, kaum dass ich den Laden betreten hatte, befand sich zufällig immer genau in dem Gang, in dem ich auch gerade was suchte, zwinkerte mir zu, rief so Sachen wie "Beim nächsten Mal geben Sie einen aus! Haha!" und "Achtung, hier kommt wieder Ihr Stalker! Höhö!" und als ich unentschlossen vor'm Brotregal stand, fragte er, ob er mir helfen könne.
Ich sagte, ich suche ein leckeres Brot, woraufhin er mich über die verschiedenen Geschmacksrichtungen der 4 nettoeigenen Brotsorten aufklärte.
Ich lehnte dankend ab, Brot und ich haben eh ein schwieriges Verhältnis und von den Sorten mochte ich keine.
Da fiel ihm ein, dass eine 5. Sorte noch unausgepackt auf einer Palette im Lager stand und er rannte von dannen, um mir ein Päckchen aus dem (untersten!) Karton herauszuzerren.
Iiiieh, ein Dinkeldreikornroggensonnenblumenkernmischdingens!
Ich nahm es trotzdem, weil er sich so eine Mühe gemacht hatte.

Wieder zuhause schaute ich sofort in den Spiegel, WIESO hatte der Typ sich so eine Mühe gemacht?
Hatte ich gar einen Lady-Crooks-Moment?!

Stinknormales Outfit eigentlich.
Mit BH!
Und Schlüpfer.

Ja, ich besitze Spongebobbettwäsche! Schnauze!



Hmmmmm, also kein Lady-Crooks-Moment.
Aus seinem Zielgruppenalter war ich längst 'raus und wie Kim Kardashian sehe ich nicht aus, was war es also?!
Und dann fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren, DAS hatte er gesehen: Ungebügelte Hose, meinen SharPei-Faltenwurf um die Augen, wenn ich lächle un´d den grauen Haaransatz.
... der Typ ist einfach nur nett und hilfsbereit zu 'ner SCHLAMPIGEN  ALTEN  DAME gewesen!


Ach, lasst mich...


Samstag, 8. August 2015

Juliane von Knigge - Babysitter werden

Da ich diesmal gut & gerne auf 14-jährige, sich ständig am Rande der Hysterie befindliche Kichergören als Babysitter verzichten kann, habe ich nicht beim hiesigen Babysitterdienst angerufen, sondern einen Aufruf in der "Sauerländer Jobs & Flohmarkt"-Facebookgruppe gepostet.


Ich bekam 17 Zuschriften.
Es schieden aus:
- all die Gepiercten, Tätowierten, sich Terminator-Babe Nennenden, mit einem Pitbull Kuschelnden, mit Bierflasche in die Kamera Prostenden, der deutschen Grammatik nicht mächtig Seienden. Das waren 10.
Ayse Özgür. Es war mir irgendwie suspekt, dass ihre 18-jährige Tochter den Job haben wollte/sollte, aber selbst nicht über ein FB-Profil verfügte (Hallo?! Eine 18-jährige ohne FB??). Außerdem überforderte mich ihr "I love my Prophet!"-Profilbild.
2 professionelle Tagesmütter. Viel zu teuer.

Blieben 4 einigermaßen vertrauenswürdig wirkende junge Frauen.
3 versetzten mich zu den abgemachten Terminen:
1 musste dringend mit ihrem kranken Papagei in die Tierklinik, fragte aber 4 Tage später nach, ob ich noch Interesse hätte. Wtf?!
1 fiel ein, dass sie eigentlich doch keine Zeit zum Babysitten hat und 1 sagte nicht mal ab.


Es blieb: Anne-Marie.
Und was soll ich sagen: Ich bin verliebt!

Und Lucky Luke ebenso, kein Gefremdel seinerseits. Im Gegenteil: beim Vorstellungstermin hat er direkt mit ihren Zehen gespielt.
Anne-Marie ist ausgebildete Kinderkrankenschwester.
Anfang 20, schön, sympathisch, sanftmütig, aber doch durchgreifend, wenn nötig.
Gleich beim ersten Termin hat sie einen Teil der Gesamtsumme erlassen, weil ich Lucky 10 min. vor Ablauf ihrer Zeit selbst gefüttert hatte.
Und nach dem gemeinsamen Spiel hat sie aufgeräumt!
Hach...



Aber zurück zum Knigge...

So, liebe Menschen, die ihr an meine Kohle wollt meinen Augenstern beaufsichtigen wollt, oben könnt ihr schon lesen, wie man's macht und wie nicht und zusätzlich hier noch ein paar Tipps:

- Siezen!
Der aufmerksame Leser weiß: ich will nicht von Fremden geduzt werden. Noch ungernerer von Fremden, die 35 Jahre jünger sind als ich.
Klar, social media - da wird grundsätzlich nicht gesiezt, aber EY! es geht hier um einen JOHOB! 

- Grammatik!
Jagt euer Geschreibsel durch die Rechtschreibhilfe, Herrgottnochmal!
"hallo du ich hab auch 2 jungs 3 und 5 der ältere in kindergarten kannst deine maus ja mal vorbeibringen an welchem tag haste denn gedacht glg Mandy" 
Aaaargh aaargh aaaaarrgghh!
Fun fact: die ganzen Swetlanas, Fatimas und Panagiotas haben fehlerfrei geschrieben und dufte formuliert! Eat this, deutsche Deppin!  

- Profilfotos
Ich engagiere niemanden, der in seinem Profilbild eine Koksline samt gerolltem Fuffi zeigt.
Dass derjenige nicht zwangsläufig Drogen konsumiert ist mir klar, aber eine gewisse Affinität scheint da zu sein.
Ich will auch keinen Babysitter mit Zombie- oder "I love my Prophet!"-Profilbild. 

- Nicknames
Sich ChaChaCha Xbux oder Diva Deluxe oder Marie Juana nennen und dann nicht mal in der PN mit dem echten Namen unterschreiben? Vergesst es.

Es geht hier nicht um irgendnen x-beliebigen Putzjob, sondern um so 'n Ding mit Verantwortung und Vertrauen und so...
Selbst wenn man "nur" über FB einen Job sucht, sollte man 'n klein büschn anders auftreten.
Got it?

Was habe ich gelernt?
(Also außer, dass die meisten Fressenpiercings, Tunnels und unmotiviert kreuz & quer auf den bleichen Körper geballerten Tattoos scheiße aussehen?)
Ja:
Facebook ist nicht die Jobbörse des Arbeitsamtes und daher nur so semi geeignet für die Babysittersuche.


Oha, Lucky arbeitet an der Raute der Macht!
Bringt euch in Sicherheit!

Sonntag, 19. Juli 2015

Wie man sich einen Millionär angelt

Das interessiert euch sicher alle, gell?

Meine Freundin Charlotte (45), heilig, klugscheißerisch, hilfsbereit, hat's geschafft.
Und zwar so:

Es war einmal ein junges Paar aus einfachen Verhältnissen, 15 Jahre jung, die verliebten sich gar sehr ineinander. 
Sie hatten die selben Interessen, konnten miteinander lachen, reden, aber auch schweigen. Seelenverwandte.
Kaum volljährig, zogen sie zusammen und lebten fortan glücklich miteinander.
Alles lief wunderbar, bis das Herzflattern und Leidenschaft flöten gegangen waren.
Man trennte sich nach 15 Jahren auf, was sonst keiner schafft, harmonische Art & Weise und man blieb zumindest locker in Kontakt.
(Nennt mich bekloppt, aber nur, weil's im Schritt nicht mehr kribbelt, man sich aber sonst in allen anderen Lebensbereichen top versteht, trennt man sich doch nicht!)

Der Mann, einfacher Handwerker, zog in die weite Welt hinaus, konkret: nach Großbritannien.
Dort verliebte er sich in die Tochter seines neuen Chefs.
Man verlobte sich. Er verstand sich sehr gut mit den Schwiegereltern.
Alles supidupi.
Dann, wie im Märchen so üblich, Auftritt: böse Hexe in Form eines Fährunglücks, bei dem die Verlobte und ihr Vater um's Leben kamen.

Die Witwe, Alleinerbin und bis dato Nur-Hausfrau, war völlig überfordert, schaffte es aber mit Hilfe ihres Fast-Schwiegersohnes, der sich nun alles nötige kaufmännische Wissen in unzähligen Aus- und Fortbildungen aneignete, das Unternehmen erfolgreich am Laufen zu halten, was ihm dankbarkeitshalber den Status des Alleinerben bescherte.

Es folgte eine kurze, kinderlose Ehe mit der Sekretärin (Ja, komisch, ne? In dieser Firma scheinen sich alle total lieb zu haben) und 15 Jahre nach seinem Weggang, kehrte er nach Deutschland zurück.
Die Schwiegermutter mittlerweile tot. Seine geerbte Firma läuft bestens.
Die stressigen Jahre allerdings waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen und so riet ihm sein Arzt, dringend kürzer zu treten.
Also wurde delegiert und umstrukturiert und er zog sich fast komplett zurück.

Was nun tun mit der ganzen freien Zeit?
Das, was ihn die ganzen Jahre nicht losgelassen hatte, nämlich eine erhoffte Reunion mit seiner Seelenverwandten Charlotte.

Charlotte hatte ihrerseits eine gescheiterte Beziehung hinter sich, war seit 10 Jahren alleinerziehend und dank Dauergeldsorgen zu einer verbitterten, misstrauischen Ziege mutiert, die sich mitnichten wohlig seufzend in die starken Arme des Millionärs sinken ließ.
Au contraire!

Als er das erste Mal nach der langen Zeit vor ihrer Türe stand, in der Hand einen Strauß mit 15 langstieligen Baccararosen (für jedes Jahr, das sie getrennt waren, 1 Rose), da hat sie ihn bloß angeschnauzt, dass sie für solch angeberisch großen Gebinde keine geeignete Vase hätte! Woraufhin er die Rosen in der Kloschüssel(!) zwischenlagerte und Charlotte ins Auto zerrte, um im nächstgelegenen Möbelhaus eine Vase auszusuchen, was sie dann auch mit hochrotem Kopf, da in Joggingbuxe und Birkenstocks, tat.


Darauf folgten 2 Jahre härtester Baggerei seinerseits, ehe sie endlich JA sagte!
Sie zierte sich, wollte sich weder verletzen, noch kaufen lassen.
Und gekauft hat er ihr einiges: den Thermomix zu Ostern, das iPhone zum Geburtstag, die 3(!) Paar Escada-Pumps zu Weihnachten, die Reise nach Gomera in den Sommerferien, das Fahrrad für's Kind, die Pommesbude.
Ja, richtig gelesen: die Pommesbude!
Charlotte liebt Fish & Chips. Da hat er ihr schlankerhand in der Großen Stadt, in die sie immer zum Shoppen fahren, eine Fish&Chips-Bude gekauft.

Ist das Hollywood, oder nicht?!

Und kann sie es genießen, die dumme Nuss?!
Nee, natürlich nicht!

Will er sie in den Palmgarden zum Essen ausführen, um den kinderfreien Tag zu nutzen, will sie nicht, weil sie ein furchtbar schlechtes Gewissen bekäme und ihr das Essen auch gar nicht schmecken täte, wenn sie weiß, dass das Kind nicht an dieser lukullischen Offenbarung teilhaben kann.
(Ey, scheiß' auf alle zuhause gebliebenen Kinder dieser Welt, der Palmgarden hat einen verfickten STERN!
Die Blagen müssen ja nie erfahren, dass man dort war!)

Will er das Kind mit dem Jaguar-Cabrio von der Schule abholen, dann keinesfalls mit offenem Verdeck und ohne Sonnenbrille bitte, weil es sonst zu protzig wirkt.
(Hallo?! Wir reden hier von einem elitären Privatgymnasium! Da gehört ein Jaguar-Cabrio eher zu den bescheideneren Fahrzeugen, die da vorfahren.)

Will er eine Reise mit ihnen machen, muss er erst gegen ihre mannigfaltigen Bedenken anreden (4-Sterne-Hotel? Muss es sowas teures sein? Fliegen ist gefährlich! Fremde Länder - fiese Krankheiten! Nicht, dass das Kind sich an Luxus gewöhnt! Irgendwann ist womöglich Schluss, sie wieder arm und hat dann nix mehr zu bieten. Usw. usw.) und dann das EINE Totschlagargument finden, das sie überzeugt.

Der Kerl hat echt Nerven...
Und ist 'ne Perle vor die Sau ..äh.. Frau.

Charlotte muss erstmal lernen zu genießen und nicht dauernd die Spaßbremse zu geben.
Aber hey, offenbar ist sie es ihm wert - und ich wünsche beiden eine glückliche Beziehung bis ans Ende ihrer Tage.

Sonntag, 5. Juli 2015

Sommer, verpiss dich!

Hiermit reihe ich mich ein in die immer größer werdende Schlange der sich outenden Sommeraversionistas, wie zum Beispiel Annika, Frau Lavendel und Isabella-Anja.

Was ich am Sommer so dermaßen doof finde, dass ich eine Petition gegen ihn erwäge (ernsthaft!):

- Ab 26°C bin ich krank.
Wäre ich nicht im Erziehungsurlaub – ich müsste mich krankmelden!
Herzrasen, Kreislauf, Kopfschmerzen. Dazu noch schwitzen (und stinken!) ohne sich überhaupt zu bewegen. Und es gibt keinen Ausweg. Gefangene im eigenen Saft.
Die daraus resultierende Aggression ist nicht zu unterschätzen. In keiner anderen Jahreszeit verpasse ich Türen und Möbeln mehr Macken und meine "Fick Dich!"-Fluchfrequenz liegt sommers bei 6x pro Minute.
Würde ich an solchen Tagen zur Krönung meine Tage kriegen - töten täte ich! TÖTEN!

- Die Wohnung stinkt.
Tagsüber kann man nicht lüften und nachts nur kurz unter Aufsicht, hier wurden in letzter Zeit nachts einige Einbrüche über Balkone verübt.

- Nackte Füße bei Instagram, Facebook und Blogs in Großaufnahme.
Allmorgendlich dasselbe Dilemma: beim Neuigkeitencheck angewidertes Zurückzucken meinerseits. Leute, GEPFLEGT ist hier das Schlüsselwort! Wenn ich noch EINmal Füße sehe mit
++ splitterigem Lack
++ überlangen Werwolfskrallen
++ fetziger (und das meine ich nicht im positiven Sinne!) Nagelhaut
++ unlackierten, aber trotzdem bräunlich verfärbten Nägel
++ Schrunden
++ Hallux Valgus, Hallux Malleus, etc.
werde ich das Internet löschen! Ich schwör's!

- Der ungemütliche und mir schlechtes Gewissen machende „Wir müssen unbedingt draußen was machen, bevor das Wetter wieder schlechter wird!"-Zwang meiner Mitmenschen.
Ey, hallo?! Für mich sind wolkenfreier, azurblauer Himmel mit Temperaturen ab +26°C schlechtes Wetter!

- Klimageräte bringen's nicht.
Hat mir mal jemand aus Mitleid angeschleppt. Was das Ding vorne an kalter Luft rausbläst, heizt es hinten durch den Motor wieder auf.
Effekt = Null.

- Schwimmen bringt's nicht.
Stürzt du dich zwecks Abkühlung in kühle Freibad- oder Stausee-Fluten, tritt beim Heraussteigen der aus dem Winter bekannte "Schneehände"-Effekt ein: der Körper heizt noch doller auf, als vorher.

- Sommergewitter bringen's nicht.
Die allseits herbeigesehnten Gewitter senken die Temperatur in meiner Wohnung von 32 auf 30. Yay.

- Fertigfraß rules.
Im Sommer nur Miracoli, Ravioli, TK-Gerichte und Wassereis. Da kann auch garantiert nix schief gehen, was Salmonellen und Listerien betrifft.

- Ich bleibe blass.
Wie soll ich auch bräunen, wenn ich es keine 2 Minuten in der Sonne aushalte?

- Einkaufen wird zur Qual
Ich habe sie alle ausprobiert: Aldi, Lidl, Penny, Netto, Edeka, Rewe, Markant. And the winner mit erfrischenden 15°C ist: Aldi! (Angoraschlüpfer unter der Hotpants also nicht vergessen!)
Die Autofahrt die dazu nötig ist, muss aber erstmal überlebt werden.
Ich habe alles in der Nähe, aber die Klimaanlage im Auto schafft Kurzstrecken nicht. Musste gestern eine Einkaufsfahrt abbrechen, weil Lucky Luke im Wagen das weiße Mund-Dreieck bekam.

- Sommer macht mich zum Loser.
Jeden Abend im TV das gleiche: Reporter aus Infotainment-Shows befragen Menschen, wie sie den Tag bei der Hitze gut 'rumkriegen.
Die Befragten sitzen dabei an Baggerseen oder in Biergärten in der prallen Sonne und strahlen in die Kamera!
WIE MACHEN DIE DAS?!

- Ich schaffe .... NIX.
Die Wohnung verlottert, weil Haushaltsgeräte wie Staubsauger und Bügeleisen und Spülmaschine für noch mehr Hitze sorgen.
Genauso wie TV und  Computer, an denen ich mir also keine Ablenkung verschaffen und keine Besorgungen online machen kann.

- Balkonnutzung Fehlanzeige.
Mein Wohnzimmer liegt Südseite. Balkon -natürlich- oben ohne. Trotzdem windstill. Lucky Luke kann sein Planschbecken erst nach 19 Uhr nutzen und bis dahin ist es eine verdammt lange Zeit, wenn man kollaptisch darniederliegt, das Baby aber fit ist.

- Man passt nur noch in die Arizona von Birkenstock weil die Füße eingelagert haben.


Der Asphalt schmilzt, die Alten rafft's dahin, Wälder brennen ab.
Und wenn man sich dann nach 6 Tagen das erste Mal wieder aus der Bude traut, weil es draußen auf angenehme (haha) 28°C runtergekühlt ist, steht einem ein Großeinkauf bevor.
Und das soll schön sein?!
Ich kann gar nicht so viel Wassereis lutschen, wie ich kotzen möchte.

Also Sommer:
verpiss' dich -
keiner vermiss' dich!

Ach ja, und:
Fick dich fick dich fick dich!