6 Uhr:
Aufstehen.
Der Blick in den Spiegel offenbart 3 nagelneue dicke Pickel rund um meinen Mund.
Meine Fresse! Wo kommen die her und warum?
6.30 Uhr:
Ich hämmere an Elvis' Zimmertüre. Wenn er vor'm Festakt noch zur Schule will, muss er sich sputen.
Ich schalte mein Handy ein.
Whatsapp-Nachricht von Elvis, 2.47 Uhr (also genau die Uhrzeit, zu der Menschen in meinem Alter und werktags noch wach sind...):
"Brauchst mich nicht früh wecken, ich bring die Bücher erst nachmittags zur Schule."
Oh.
Nun ja, jetzt, da er sowieso wach ist, kann er DOCH vorher zur Schule.
7.10 Uhr:
Elvis macht sich schlechtgelaunt, schlaftrunken und ungewaschen auf den Weg.
8 Uhr:
Lucky Luke in den KiGa gebracht, jetzt geht's ans Styling.
Bei 16°C und Dauerregen lasse ich mein neues Kleid im Schrank und ziehe meinen ewigen Hosenanzug in hellgrö an.
8.30 Uhr:
Ich bin komplett fertig gestylt und abfahrbereit. Aber irgendwas fehlt...
Ach ja - Elvis! Wo isser hin?
Sein Handy ist aus. Klar.
Um 9 Uhr soll hier Abfahrt zur Heilig-Geist-Kirche sein. Ich bleibe ganz ganz ganz ruhig.
8.45 Uhr:
Elvis trudelt ein und duscht erstmal. Ich habe Blutdruck.
8.51 Uhr:
Schrei aus dem Bad: "Ich kann mich nicht rasieren! Rasierschaum ist alle!"
Öhm... kann eventuell sein, dass ich am Vorabend seinen Schaum beim Beine rasieren verbraucht habe.
"Dann mach's halt ohne Schaum!" Geht bei Beinen ja auch...
8.55 Uhr:
Elvis kommt aus dem Bad.
Huch!
Merke: rasieren ohne Schaum sorgt für sehr sehr sehr gereizte Haut.
9 Uhr:
Elvis und ich verlassen schnieke, adrett und verpickelt das Haus.
Im Treppenhaus höre ich was über'm Boden kullern. Oh, ein Knopf! Der ähnelt den Knöpfen an meinem Hosenanz... Waaah!
Egal, wer braucht schon eine Hose mit Knopf?
9.10 Uhr:
Wir nähern uns der Heilig-Geist-Kirche.
Niemand ist zu sehen und der leere Parkplatz macht stutzig.
Ich lese an der Aushangtafel die Events der Heilig-Kreuz-Kirche.
Moment! KREUZ?
Shit, ich war sicher, DIESE hier ist die Heilig-GEIST-Kirche!
Nun ja, in einer militantkatholischen sauerländer Kleinstadt mit insgesamt 20 Kirchen kann man sich schon mal vertun.
Oh Gott, was jetzt?
Per Handy nach der Adresse der Geist-Kirche googeln. Keine Adresse (!), dafür die Nummer des Pfarrbüros.
Der Anrufbeantworter teilt mit, dass das Telefon erst ab 10 besetzt ist.
Argh!
Ich rufe die Mutter eines anderen Abiturienten an: "Wo seid ihr? Wir stehen an der falschen Kirche!!" brülle ich, mittlerweile schwitzend.
"Wir schwänzen den Gottesdienst und kommen erst zum Festakt", sagt die Mutter. "Und keine Ahnung, wo die Geist-Kirche ist. Wir sind zugezogene Atheisten."
Meine Hose rutscht.
9.17 Uhr:
Was tun?!
Elvis versucht es bei Mitschülern; aber die hocken nun in der richtigen Kirche und haben ihre Handys brav ausgeschaltet.
Fuck!
Was tun? Polizei anrufen? Stadtverwaltung??
Unser Oppa hätte das gewusst. Aber der ist grad auch keine große Hilfe.
Geistesblitz:
wenn auf EINEN Menschen informationstechnisch in den letzten 8 Schuljahren Verlass war, dann auf die Schulsekretärin!
Ich wähle die Nummer der Schule und jawoll, die Gute weiß, wo sich die richtige Kirche befindet. Schnell noch den SoVa informiert und los geht's.
9.25 Uhr:
Wir erreichen die Kirche und ergattern den letzten freien Parkplatz.
Puh.
Der SoVa hat seine Karre mittig in den Kirchrabatten abgestellt, ist in einen Hundehaufen gelatscht (-> göttliche Vergeltung) und versucht nun fluchend und auf einem Bein balancierend großgestisch die Scheiße im nächstbesten Gebüsch abzustreifen. Alle gucken.
Peinlich sein? Konnte er, kann er und wird er immer können.
9.30 - 10.15 Uhr:
Ökumenischer Gottesdienst halt.
Beten, reden, singen, reden, beten. Wobei der evangelische Part wie immer der unterhaltsamere ist.
10.50 Uhr:
Für die 8-Minuten-Strecke Kirche/Theater haben wir 4x so lang gebraucht, da sich die Kirche an einer riesigen Kreuzung der Hauptverkehrsader samt Bahnübergang befindet und wir Eltern für den größten Stau in Geschichte der Stadt gesorgt haben.
Die Kirchschwänzer sind schon lange vor Ort und haben die besten Plätze belegt.
11 Uhr:
Der Festakt beginnt.
11.05 Uhr:
Nee, doch nicht...
Nee, doch nicht...
11.10 Uhr:
Öhm...?
11.15 Uhr:
Der Festakt könnte beginnen, vermeldet der Direktor, aber da die Abiturienten sich eigenständig paarweise und nach Alphabet aufstellen sollen, werden sich die nachfolgenden Programmpunkte wohl um ca. 3 Stunden nach hinten verschieben.
Öhm...?
11.15 Uhr:
Der Festakt könnte beginnen, vermeldet der Direktor, aber da die Abiturienten sich eigenständig paarweise und nach Alphabet aufstellen sollen, werden sich die nachfolgenden Programmpunkte wohl um ca. 3 Stunden nach hinten verschieben.
Ein Lehrer eilt herbei und klärt die Sache rasch.
11.17 Uhr:
Der Festakt beginnt.
Der Festakt beginnt.
Sogar der neue Bürgermeister ist gekommen und hält eine Rede und zwar eine ziemlich launige.
Überhaupt sind die gehaltenen Reden kurz, witzig und nur ein bisschen rührselig.
Immer wenn die Rede ist von "in die große weite Welt hinausziehen / das ganze Leben noch vor sich haben / mutig sein / Träume verwirklichen / gute Menschen werden" kommen mir die Tränen. Ja, die jungen Dinger haben alles noch vor sich...
Ich versuche dauerhaft, nicht an unsern Oppa zu denken, der jetzt sooo dermaßen stolz auf "seinen Jungen" gewesen wäre. Klappt nur bedingt.
Dann werden die Zeugnisse verteilt. Nach Alphabet.
190 Abiturienten - da unser Nachname mit W beginnt, hätte ich, bis Elvis drankommt, gemütlich brunchen gehen können.
190 Abiturienten - da unser Nachname mit W beginnt, hätte ich, bis Elvis drankommt, gemütlich brunchen gehen können.
Und dann wird er endlich aufgerufen und ich muss entscheiden:
will ich klatschen wie bekloppt und WOHOOO! kreischen oder das Ganze per Handy filmen?
Ich wähle das Video. Geklatscht wird eh und das WOHOOO! erledigen seine Kumpels.
Wir zum Glück erst morgen, wenn das Wetter hoffentlich ein mü besser ist.
Fortsetzung folgt...
Teil 1
Teil 3







