Sonntag, 7. Juli 2019

Juliane von Knigge - Bewerbungen

Niemals hätte ich gedacht, dass dieser Post notwendig sein würde, niemals!
Aber wenn du in einem Unternehmen mit BewerberInnen zu tun hast, erlebste viel Elend.

Wir hatten/haben sie alle da:
- die im Arbeitsverhältnis, die sich bloß bewerben, um ihren Marktwert zu testen
die im Arbeitsverhältnis, die was Besseres suchen
- die Berufsanfänger, fresh from the Uni oder Berufsschule
- die Wiedereinsteigerinnen
- die Arbeitslosen, die vom Amt "gezwungen" werden
- die Arbeitslosen, die wirklich Arbeit suchen und
- Rentnerinnen, die sich ihre Rente aufbessern wollen/müssen.

Tja, wo fange ich an?

1. Die Bewerbung
Offenbar ist es nicht en vogue, Lebenslauf und Anschreiben auf Fehler zu checken.
Die Bewerbung ist der allererste Eindruck, den die Firma von euch bekommt, also gebt euch ma Mühe, ey!
Lasst jemand Schlaueren drüber gucken oder nutzt die Online-Rechtschreibprüfung.

Fasst euch kurz!
Glaubt ihr, wir lesen Bewerbungen durch?
(Spoiler: NEIN! Wir checken zuerst eure Visagen. Sympathisch oder unsympathisch? Dann wird im Lebenslauf nach dem erlernten Beruf geguckt. Wenn der passt, biste 1 Runde weiter und DANN erst überfliegt man das Anschreiben.)

Schlimmstes Beispiel:
ein Mittfuffziger mit Doktortitel schrub in seinem 2-seitigen(!) Anschreiben, was seine Eltern von Beruf waren, wann er geheiratet hat, welchen Beruf die Frau hatte, wie viele Kinder zur Welt kamen, welche Berufe die Kinder gewählt haben, und dass er mittlerweile geschieden ist. (Was mich zugegebenermaßen dann doch interessierte, aber das TUT JETZT NICHTS ZUR SACHE!)

Vergesst diesen anbiederischen Sermon, den euch die "Profis" vom Arbeitsamt oder aus irgendwelchen Maßnahmen vorkauen.
Dieser lame Einheitsrotz interessiert keine Sau.
Ein knackiger Zweizeiler, in dem steht, was ihr von Beruf seid und was ihr aktuell macht, reicht; den Rest erfährt man im Vorstellungsgespräch.

Kleiner Tipp für Feinheiten wie Ansprechpartner etc.:
Wenn im Stellenangebot steht "Schicken Sie Ihre Unterlagen an den Vizepräsidenten. Fragen zur Stelle beantwortet Ihnen Frau Müller", dann geht euer Krempel NICHT an "Sehr geehrte Frau Müller" und NICHT an den sehr geehrten Herrn Vizepräsident!
Ersurft euch gefälligst auf der Firmenwebsite des Vize Namen!


2. Das Foto
Schlimmstes Beispiel:
Ein selbstgeknipstes Foto auf einem s/w-Drucker ausgedruckt, schief ausgeschnitten und schräg auf den Lebenslauf gepappt.
Gönnt euch 'nen Profi!
Und 'ne Haarwäsche.
Und 'n Lächeln.


3. Das Vorstellungsgespräch
Du Glückskeks wurdest eingeladen? Dann sei verdammt nochmal pünktlich, das ist doch nicht zuviel verlangt!

Schlimmstes Beispiel:
Anruf aufgelöste Enddreißigerin: sie hätte sich verfahren, könne die Firma nicht finden und käme nun womöglich nicht pünktlich und hach - welch Drama!
Stellt sich raus:
sie stand 50 Meter von unserem Gebäude entfernt und das 2 (in Worten: zwei) Stunden (in Worten: Stunden) zu früh.

Findet ihr das verfickte Bürogebäude nicht, dann googelt oder fragt in der nächsten Tanke, aber macht keinen auf hilfloses "Ich find mich nicht zurecht und ein Navi kann ich auch nicht bedienen und in solchen Situationen bin ich eh kurz vorm Nervenzusammenbruch"-Frauchen!

Schön übrigens, wenn ihr am Empfang den Namen desjenigen nennen könnt, der euch eingeladen hat. Frau von Wegen zum Beispiel.
Nicht Frau van Wegner, nicht Frau Wagen und schon gar nicht "Hab ich vergessen."

Bereitet euch vor!
Lernt von mir aus die Firmenhomepage auswendig, aber seid informiert!

Habt souveräne Antworten parat und antwortet keinesfalls auf den Klassiker "Mögen Sie sich bitte kurz vorstellen?" mit "Och, tja, was soll ich da erzählen? Gibt nich viel..." oder "Ich  bin gebürtig aus Sachsen und lebe jetzt mit meinen 2 Katzen in Dingshausen."
Eines Tages wird sie vor mir stehen, die perfekte Bewerberin, die dann antwortet "Ich bin eine 32-jährige Finanzbuchhalterin, die nach 3-jähriger Elternzeit wieder ins Berufsleben einsteigen möchte."
Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Gelegentliches Blinzeln wär auch schön, statt uns mit aufgerissenen Augen anzustarren, wie das Karnickel die Schlange.

Schlimmste Beispiele:
die 42-jährige, die beide Arme um sich geschlungen hatte und vor & zurück wippte, nur unterbrochen von gelegentlichen Hairflips.
Oder die, die Null Ahnung hatte, wer wir sind und was wir machen.
Oder diejenige, für die wir eine Pause einlegen mussten, damit sie sich einen Hub Nitro genehmigen konnte:


"Ich bin immer so aufgeregt, wenn ich mit Chefs zu tun habe!"
*seufz*
Ja, sie lebt noch, keine Sorge!
Nein, sie musste nicht ins Krankenhaus.
1 Gönnung Nitro und das Gespräch ging weiter.

Macht eure Nervosität nicht zum Thema.
Wenn ich für jedes "Hach, ich bin so aufgeregt!!!" 'nen Euro kriegen würde, wär ich längst auf Weltreise.
Man traut einem Bewerber, dem schon bei einem "normalen" Gespräch die Düse geht, nämlich nicht wirklich zu, dass er im stressigen Arbeitsalltag gelassen bleibt.

JA, wir sind/waren alle aufgeregt bei einem Interview, aber reißt euch gefälligst zusammen!
Vor euch sitzen stinknormale Menschen, keine Götter, und wir ham auch irgendwann mal als Bewerber auf der anderen Seite des Tisches gehockt!


4. Kleidung
OK, Klamotten sind Geschmackssache, aber macht sich keiner heutzutage mehr schick??
Wozu hat der liebe Gott Heine und H&M erschaffen?

Schlimmstes Outfit bisher:
dunkelblaue Windjacke und schwarzes T-SHirt kombiniert zu türkiser Leggings, weißen Sneakern und Rezo-Tolle.


5. Danach
Nein, es wirkt keinesfalls zu dick aufgetragen, wenn man sich nach dem Gespräch per Mail kurz dafür bedankt.


Wie ihr seht, es braucht nicht viel, grundsätzlich gelten ja nur folgende Sachen:
- fehlerfreie Bewerbung mit professionellen Foto
- ordentliche Klamotten (Hose/Rock, nettes Blüschen, saubere Schuhe)
- Wissen über die Firma mitbringen
- gute Selbstdarstellung


Echt, es kann so einfach sein...

Gern geschehen und viel Glück!



Gutes Benehmen? HIER lang!

Kommentare:

  1. regina7/7/19

    liebe juliane, deine 5 punkte fassen bestens komprimiert alles zusammen, was man für eine erfolgversprechende bewerbung wissen muss - und ganz nebenbei bekommt man noch einen exkurs in wirtschaftspsychologie. chapeau!

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  2. Für eine Bewerbung auf bürojobs gebe ich dir absolut recht. Da sind Form und Funktion gleichermaßen gefragt.
    Lg magenta

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  3. Hach, ich vermisse Deine Beiträge! :-)

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  4. Bei uns in der Kanzlei hat sich neulich ein Spice Girl für den Empfang vorgestellt. Kaugummikauend, mit Platteauboots und Riesenkreolen. Äh.

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  5. Anonym18/7/19

    Bei uns an der Juristischen Fakultät hat sich letztens eine junge Frau als wissenschaftliche Mitarbeiterin beworben. Auf die Frage, warum sie sich bei uns beworben hat und was sie sich so vorstellt, kam die Antwort: Tja, ich würde jetzt auch lieber Geige spielen. Mein Chef meinte danach nur - wir sind hier von Irren umgeben. Hilfe....

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