Montag, 16. Mai 2011

Zu Gast bei Feinden - Die Konfirmation

Der liebe Gott hat mir wieder ein Lerngeschenk gemacht:
diesmal eine Einladung zu einer Konfirmation.
Und nun weiß ich, wie man es NICHT macht.

Wochen vorher kam die Einladung, über die ich mich sehr wunderte, da die Konfirmandin eine sehr entfernte Verwandte ist, deren Eltern mich noch nie zu irgendwas eingeladen hatten.

Der Karte war ein Zettelchen beigefügt:
leider hätte der Vater beim Platzkartenkauf gepatzt (ich tippe eher auf: gespart), aber man könne ja "etwas früher zur Kirche zu kommen, um sich einen guten Platz zu sichern".
(Merke: Bevor man seinen Gästen solche Ratschläge gibt, sollte man sich vorher mit den Räumlichkeiten der Kirche vertraut machen. "Etwas früher" anzutanzen hat nicht viel Sinn, wenn das Kirchlein 100 Sitzplätze bietet, von denen 80 bereits per Platzkarte reserviert sind und gleichzeitig 200 Menschen Einlass begehren.)

Einige Zeit später rief mich eine Kusine an und erzählte wutentbrannt, dass sie tags zuvor die Konfirmandinnenmutter in einem Laden gesehen, ohne dass diese sie bemerkt hätte.
Die KonfiMu hätte dort jemandem erzählt, dass sie alle Verwandten, Freunde und Nachbarn (auch diejenigen, zu denen man schon lange keinen Kontakt mehr hat) "ausgegraben hätte, damit das Kind mal richtig absahnt".
(Zur Info: ich rede hier von Leuten, die einen Pool und ein Pony im Garten haben und sich in Markenklamotten wanden; ergo Geld nicht wirklich benötigen.)
Ich hatte ein sehr teures Bettelarmband als Geschenk gekauft.
Mein erster Gedanke war: das teure Ding um- und gegen billigen Modesschmuck einzutauschen. Aber die Konfirmandin kann ja nix für ihre raffgierige Mutter.

Der Tag der Konfirmation kam.
Ab Punkt 9 stand(!) ich in der Kirche.
Um 9.30 begann das Event und - Überraschung!
Da vorher noch 3 Teenies getauft werden mussten, bevor sie konfirmiert werden durften, zog sich das Ganze über 2,5 Stunden hin!
Danke auch, liebe Blödeltern von Kindern, die nicht, wie es sich gehört, spätestens 76 h nach der Geburt getauft wurden!

Glücklicherweise fing gegen halb 11 ein Kleinkind in der hintersten Reihe derart das Kreischen an, dass es samt Mutter die Kirche verlassen musste und somit ein Sitzplatz frei wurde.

Anschließend traf man sich im Restaurant in der Null-Sterne-Gaststätte "Schlicht & Billig", in der ein Saal gemietet worden war.
Zu Beginn wurden Sekt, Orangensaft und Sekt mit Orangensaft gereicht (woher stammt eigentlich diese widerliche Unsitte O-Saft in Sekt zu kippen und wann hört das endlich auf?!)
Da Madame Gierig ja nun JEDEN eingeladen hatte (z.B. ihre "Hilfe" und deren beste Freundin), kannte man sich untereinander gar nicht oder war verkracht und somit war unbefangener SmallTalk nicht wirklich drin.
Der Rest schwieg beleidigt, da Kusine & ich für eine rasche Verbreitung der Absahnstory gesorgt hatten.
Irgendwann fragte sogar der Kellner irritiert:
"Ist etwas nicht in Ordnung? Hier herrscht ja Grabesstille!" 

Madame hatte sich gegen ein Rechaud-Buffet und für Tischleindeckdich entschieden und da es ziemlich lange dauerte, bis die 2 Kellner alle Platten aufgetischt hatten, war das Essen nur noch lauwarm.
Bis sich dann alle Gäste bedient hatten, war es lau bis kühl...
Laue Dosenböhnchen; laue Dosenmöhrchen und laue Dosenpilze.
Dazu gab es laue Spätzle, laue Salzkartoffeln und zweierlei Laufleisch: Rind & Schwein.
Wenn man wollte, konnte man das Ganze in einer SauceHollandaise ertränken, die ich in Form, Farbe, Konsistenz & Geschmack sofort als diese Fertigsoße enttarnte.
So simpel hatte ich zuletzt vor 10 Jahren bei meinem Neffen gegessen, der, mit 18 von zu Hause ausgezogen, damals noch nicht wusste, dass man mit frischen Lebensmitteln kochen kann.
Zum Nachtisch gab es Eis.
Viele Gäste - wenig Kellner - warmes Wetter.
Man ahnt es schon: die Eiskreation "Pückler-Art", die übrigens auch so aussehen kann, ähnelte mehr einem Pudding.

Anschließend wurde jeder genötigt, sich in dem eigens angeschafften Erinnerungsalbum zu verewigen.
Wie gesagt, die meisten Gäste waren sauer oder kannten die Familie nicht gut genug, um etwas Herzliches zu schreiben. Und so schrieben die meisten ein unmotiviertes "Viele Grüße von X & Y".
Mir waren simple Grüße zu poplig und so schrieb ich dieses hübsche Gedicht von den Anonymen Alkoholikern in das Album. Das passt immer.

Zum Schluss gab's die Torten:
2 von KonfiMu selbst gemachte Philadelphiatorten (auch so eine nicht totzukriegende Unsitte) in gelb & rot  und 1 bei einer Konditorin (noch in der Ausbildung und derzeit im Mutterschutz, daher sehr günstig) bestellte.
Diese Torte war der Burner:
krumm & schief; die Marzipandecke war noch teilweise weiß vom Mehl beim Ausrollen; die Konditorin hatte sich beim Wort "Konfirmation" verschrieben und versucht, es zu korrigieren, was aber nicht gefunzt hat. Der Name des Mädchens leuchtete uns in neongrün entgegen.

Dann durften wir endlich nach Hause gehen.
Und die meisten waren echt angesäuert:
man wusste ja, dass diese Familie es durchaus hätte besser machen können (Stichwort: Pool & Pferd), statt dessen haben wir Gäste das Billigste vorgesetzt bekommen.

Ich habe keine Ahnung, wie die Konfirmandin selbst diesen Tag erlebt hat.
Ich hoffe, nicht allzu unangenehm.

Einige Tage später rief mich die KonfiMu an, um sich für das schöne Armband zu bedanken, das ihrer Tochter sehr gefallen würde, und um zu beteuern, dass so etwas Teures ja gar nicht nötig gewesen wäre.
Unterm Strich hätte das Mädchen 2.000 Ocken abgesahnt zusammenbekommen.
Oh happy day...

Ich bin seit Kurzem nicht mehr der Kirche angehörig, aber ich verspreche hiermit dem lieben Gott und dem Sohn (also meinem, nicht seinem; oder doch: von mir aus auch seinem) hoch & heilig, dass ich aus Sohns Konfirmation im nächsten Jahr keine solche Farce machen werde.
Amen!

Freitag, 8. April 2011

Essen knipsen üben

"Sie sind sicher Bloggerin?"
frage ich die Frau mit der Kamera.
Sie guckt erstaunt und nickt: "Woher wissen Sie das?"
"Wer bei Netto den Spitzkohl fotografiert, kann nur Blogger sein", kombiniere ich fuchsgleich.

Und tatsächlich: die Frau hat einen Kochblog, für den sie jede Zutat fotografiert.
Ich gestehe, dass ich mich das nicht traue, denn wie blöde sieht denn das bitteschön aus, wenn ich mit meiner Nikon auf die Gemüsetheke halte?!
Der Filialleiter kriegt meinetwegen Panikattacken, weil er mich für einen Spitzel vom Gesundheitsamt hält und die anderen Kunden halten mich für gestört.
Aber -und da sind Frau Spitzkohl und ich uns einig- wenn Fotos gepostet werden, steigt die Seitenaufrufquote enorm.
Frau Spitzkohl hat 659 Leserinnen!
Trotzdem schielt sie neidisch auf die Mode- & Kosmetikblogs; da seien nämlich Leserzahlen von 1.000 und mehr keine Seltenheit.
"Lisa" z.B. hat 3.598(!) Leserinnen, nur weil sie täglich ihr Outfit samt Accessoires und MakeUp postet!
Und "Lisa" gehört optisch keinesfalls zur "Victoria's Secret"-Crew und sie trägt auch keinesfalls Dior o.ä. und trotzdem gucken sich das täglich 3.598 Leute an.
Hm.

3.598 Leser - das will ich auch!

Zuerst übte ich also an einem Mittagssnack zu Hause
(und kam mir dabei ziemlich dämlich vor):

HotDog für 2 Ocken fuffzich!

HotDog halb aufgegessen.

HotDog komplett aufgegessen.



Abends darauf in der Dorfkneipe.
Schon mutiger
(obwohl der LAG nörgelte):


Leider traute ich mich erst zu fotografieren,
als die Leute am Nachbartisch gegangen waren
und da war das "Schweinefilet Armstrong medium mit Sauce Hollandaise und Fritten"
für 9 Ocken achtzig schon fast verzehrt.


Am nächsten Morgen Frühstück im Café:

Geknipst, obwohl fremde Leute anwesend waren!

Ach ja, und das war mein Outfit.


So, ein herzliches Willkommen schon mal im Voraus an die 3.429 neuen Leser, die sich bis morgen hier eingefunden haben werden!

Montag, 14. Februar 2011

Beziehungsballett

Die kulturell-zwischenmenschliche Entwicklung innerhalb einer Beziehung:

Nach 4 Wochen:
(Man macht noch alles mit, was der andere vorschlägt, um einen guten Eindruck zu vermitteln und in der Hoffnung auf 'ne tolle Nummer.)

Ich:
Nächste Woche wird im Stadttheater das Ballett „Cinderella“ aufgeführt. Sollen wir uns das ansehen?

Er:
Ballett?? Hmm… Klar, wenn Du sowas gerne siehst, lass' uns hingehen.
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Nach 2 Jahren:
(Man schwächelt bereits, was „guten Eindruck vermitteln“ betrifft und der Sex ist einem eh sicher.)

Ich:
Nächste Woche führt meine alte Ballettschule im Stadttheater das Ballett „Giselle“ auf. Sollen wir uns das ansehen?

Er:
Schon wieder? Wir waren doch neulich erst im Ballett. Außerdem kenne ich die Blagen doch gar nicht!

Ich:
1.       Ist das 2 Jahre her und
2.       auch wenn man die Eleven nicht kennt, wird die Aufführung sicher schön!

Er:
Ach? Naja, wenn Du unbedingt willst, lass' uns halt hingehen.
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Nach 4 Jahren:
(Man kennt sich bereits in & auswendig und lügt ohne mit der Wimper zu zucken, wenn es um die Durchsetzung eigener Interessen geht. Sex ist schließlich nicht alles...)

Ich: *tricky*
Nächste Woche wird im Stadttheater ein interessantes  Stück aufgeführt. Sollen wir uns das ansehen?

Er:
Worum geht’s?

Ich: *im Versuch, ihm den Nussknacker schmackhaft zu machen*
Och, um so’n Soldat, der gegen ein feindliches Regime kämpft, dabei seine große Liebe trifft und natürlich gegen den Diktator siegt…

Er:
OK. Lass uns hingehen.
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Nach 6 Jahren:
(Man hat keine Skrupel andere Familienmitglieder in seine Interessenkonflikte mit einzubeziehen.)

Ich: *tricky*
Nächste Woche wird im Stadttheater ein interessantes Stück  aufgeführt. Sollen wir uns das ansehen?

Er: *alarmiert*
Ein Ballett, nehme ich an…?

Ich: *im Versuch ihm „Peer Gynt“ schmackhaft zu machen*
Ähm, es geht um diesen Typ, Peer, und der...

Er:
Versuch’s erst gar nicht – die Plakate von „Peer Gynt - Das Ballett“ hängen überall in der Stadt. Wenn Du UNBEDINGT ins Ballett willst und niemand anderen findest, der Dich begleitet, DANN gehe ich mit. Ich schlage aber vor, Du fragst vorher meine Tante Anneliese, die steht auf sowas.

Ich hatte dann einen sehr schönen Abend mit Tante Anneliese, die eingefleischter  Opern- & Ballettfan ist und an denselben Stellen wie ich Tränen in den Augen hatte.
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Nach 8 Jahren:
(Man lungert lieber zu Hause herum, als den anderen zu begleiten und man fängt das Feilschen an. Und zur Not kann man ja auf die Travelling Pussy oder den Dinkydigger 2000 zurückgreifen)

Ich:
Nächste Woche wird im Stadttheater das Ballett „Giselle“  aufgeführt. Sollen wir uns das ansehen?

Er:
Hat Tante Anneliese keine Zeit?

Ich:
Keine Ahnung. Ich will aber mit DIR den Abend verbringen.

Er:
Och nöööö. Ich habe keinen Spaß daran, mir 2 Stunden sinnloses Gehopse von Männern in Strumpfhosen anzusehen.

Ich:
1.     Ist das kein Gehopse.
2.     Ist das nicht sinnlos.
3.   tu's doch mir zuliebe!

Er:
*Stööööhn*

Ich:
Ich hatte auch keinen Spaß daran, mir neulich Atze Schröders geschmacklose Witze anzuhören und bin trotzdem mit Dir hingegangen!

Er:
Das ist was ganz anderes: Atze spricht und macht Scherze.

Ich:
Eine Ballerina spricht auch – durch ihre Bewegungen…

Ich hatte dann einen sehr schönen Abend mit Tante Anneliese, denn ich will schließlich keinen gequälten Mann neben mir sitzen haben, der mit die Stimmung vermiest.
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Nach 10 Jahren:
(Der Eindruck, den man vermittelt, ist einem mittlerweile scheißegal und Sex - was ist das ?)

Ich:
Michael Flatley kommt nach Deutschland. Bock, Dir den anzukucken?

Er:
Flatley? Ist das nicht dieser Lord of the Dance?

 Ich:
Ja.

 Er:
Irischer Steptanz also. Sowas haben wir doch neulich im "MacGowan's Pub" schon mal gesehen.

Ich:
Ja, aber Flatleys Show erzählt eine ganz andere Story.

Er:
Story?! Tanz ist Tanz!

Ich:
Also: ja oder nein?

Er:
Ich finde Tanz scheiße. Die Aufführungen dauern ewig und sind stinklangweilig. Wenn Du unbedingt ins Theater willst, lass' uns den Profitlich angucken, der gastiert demnächst hier.

Ich: *resigniert seufzend*
Gib' mir mal das Telefon, ich rufe Tante Anneliese an.


Schröder, Profitlich, mein Gott –
Was habe ich nur jemals an diesem Kulturbanausen gefunden?




PS:
Liebe Männer, wer seine Lebensabschnittsgefährtin am Valentinstag um 5.47 Uhr weckt, um grandiosen Sex einzufordern, sollte mehr zu bieten haben, als eine Erektion und eine Tüte Gummibärchen!

Montag, 7. Februar 2011

Juliane von Knigge - Allgemeines

  • Ich mag nicht beim ersten Kennenlernen schon geduzt werden.
    (Auch nicht von einem OneNightStänder oder dem Rettungsassistenten, der mich 3 Stunden bei Laune halten muss, während die Feuerwehr mich aus einem brennenden Autowrack schneidet. Ja, sorry - aber da bin ich konsequent.)
    • Ich mag nicht von jemandem, den ich gestern erst kennengelernt habe, "Juli" genannt werden.
    • Ich mag nicht mit diesem BussirechtslinksUmarmungsQuatsch begrüßt werden! (Ich möchte wenigstens vorher gefragt werden, ob man mich derart bespringen darf und es ist mir SCHEISSEGAL, ob Franzosen sich mit 3, 6 oder 9 Küsschen begrüßen, Karla!) Dafür bin ich aber eine Befürworterin des straighten Handschlags.
    • Ich hasse "Maaaahlzeit" & "Guten Appetit" und werde darauf auch niemals antworten.
    • Was spricht eigentlich dagegen, Tischdecken zu bügeln, bevor man sie auf den Tisch legt?
    • Als Fan von Moritz Freiherr Knigge (ist der eigentlich noch Single?) und seinen Ahnen wünsche ich jemandem nach einem Nieser nicht "Gesundheit", sondern warte auf ein, in perfekter französischer Intonation vorgetragenes "Pardon" (aber wie's aussieht, warte ich wohl umsonst).
    • Wenn man sich zum Plaudern in meinem Büro aufhält, dann keinesfalls mit dem Hintern auf meinem Schreibtisch! Ja, das gilt auch für Dich, Chef!
    • Wenn ich in einem Gespräch die Worte roundabout /  Location / Get-together / auscashen / da bin ich ganz bei Dir / das ist nicht meins / etc. höre, klappen sich meine Öhrchen automatisch zu.
    • Einem Stift, Handwerker oder Lebensgefährten sage ich nach einer erledigten Aufgabe, dass er seine Arbeit gut gemacht hat, und keinesfalls dass er "einen guten Job gemacht hat".
      (Auch nicht, wenn es sich um einen Blowjob handelt. Der würde dann mit einem schlichten HUCH! honoriert.)
    • Falls derjenige dann artig Danke sagt, werde ich natürlich niemals mit dem aus dem Französischen heraus-pervertierten "da nich' für" antworten.
    • Beim "Perfekten Dinner", in Kantine/Café/Restaurant würde ich meinen Mitessern gerne die Caps & Hats von den verfilzten Scheiteln reißen (ham die alle keine Eltern, die denen sowas beibringen?).
    • ach ja und wenn ich nochmal im internet auf einen blog  kommentar forumsbeitrag oder sonstigen text stoße in dem interpunktion sowie groß und kleinschreibung ignoriert werden schieße ich wahlweise mir ins auge oder in den bildschirm wozu hat der liebe gott denn die punkte kommata und fragezeichen erfunden
    • In meiner Gegenwart zu furzen und zu rülpsen ist selbstverständlich tabu! Auch wenn es "nur natürlich" ist.
    Ja, Ordnung und ein Mindestmaß an Anstand muss sein, nicht wahr?!

    Ich wollt's nur mal sagen.
    Falls wir Blogger uns zufällig über den Weg laufen...

    Freitag, 4. Februar 2011

    Am Panikgriff gepackt

    Obacht! Lehrcontent!

    Vorgestern hatte ich Aufsicht in der Oberstufenbibliothek des örtlichen Gymnasiums.

    Mal wieder kein Schüler da.

    Gerade als ich im neuen Focus die Liste der 100 fähigsten Phoniatriker Deutschlands durchsah, klingelte das Haustelefon.

    Typ: "Tach auch! Packn Se ma ebm am Panikgriff?"
    Ich: "Wer spricht'n da?"
    Typ: "Na ich, der Hausmeister. Ich muss wissen, ob dat Dingen einwandfrei funktioniert. Machen Sie dat ma ebm. Dann muss ich nich extra hochkomm'."
    Ich: "OK, und wo finde ich den Panikgriff?"
    HM: "Anne Fluchttür!"

    Ich ging zur Fluchttür, griff anne Klinke. Nichts rührte sich.

    Ich: "Der Griff funktioniert nicht. Lässt sich kaum bewegen."
    HM: "Dat licht daran, dass Sie jetzt nicht inne richtige Panik sind, denn inne richtige Panik da entwickelt Se ordntlich Kräfte. Probiern Se nochma mit Schmackes!"

    Da ich nicht wusste, wie ich auf die Schnelle panisch werden sollte, trat ich einen Schritt zurück, nahm Anlauf, stemmte mich mit meinem ganzen Gewicht auf den Griff und - die Tür sprang auf.
    Alles ok also. Bis auf eine Kleinigkeit.

    Ich: "Sie lässt sich nicht mehr schließen."
    HM: "Ja, nee, dat is' auch gut so. Dat is' ja 'ne Fluchttür, wenn die sich inna Massenpanik wieder schließen würde - dat gäb Kraut & Rüben!"
    Ich: "Und nun?"
    HM: "Die muss mitm Spezialschlüssel abgeschlossen werden. Mist, hab ich gar nicht dran gedacht, muss ich doch hochkomm'.

    Er kam dann die 4 Stockwerke hoch geschlurft gesprintet, schloss ab und wir quatschten noch ein bisschen.
    Er erzählte von seinem baldigen Dienstjubiläum (30 Jahre) und auf meine Frage, wie und ob sich seiner Beobachtung nach die Kinder verändert hätten, meinte er, dass er heutzutage den halben Tag damit beschäftigt sei, den Schülern die Mützen, Hüte und Caps von den Köpfen zu reißen.
    Mützen, Hüte, Caps IM Gebäude - das hätt's zu unserer Zeit nicht gegeben!
    Nää, woll?

    Sieht harmlos aus, lässt sich aber nur mit Schmackes öffnen.